Auf einen Blick
- Narration: Frederic Böhle trifft den lakonischen Tonfall von Dresdens Ich-Erzählung sehr gut. Seine Stimme trägt die Noir-Atmosphäre ohne Übertreibung.
- Themes: Übernatürliches Chicago, Magie trifft Kriminalität, Einsamkeit des Außenseiters
- Mood: Düster, temporeich, mit trockenem Humor als Gegengewicht
- Verdict: Ein kurzweiliger Serienauftakt, der seine Genrekonventionen kennt und bewusst spielt, aber bei Klischees nicht immer kritisch genug hinschaut.
Ich hatte « Sturmnacht » schon länger auf meiner Liste, aber immer wieder verschoben. Urban Fantasy und ich haben eine komplizierte Geschichte: Zu oft werden die gleichen Versatzstücke neu angeordnet, ohne dass wirklich etwas passiert. An einem Sonntagnachmittag, bei schlechtem Wetter und ohne bessere Ideen, habe ich dann angefangen. Und ich muss zugeben: Jim Butcher ist geschickter, als ich erwartet hatte.
« Sturmnacht » ist der Auftakt zu Harry Dresdens Fällen, einer Serie, die im englischen Original über zwanzig Bände umfasst und seit Jahren eine treue Leserschaft hat. Wer in Deutschland Urban Fantasy kennt, hat diesen Namen schon gehört. Wer die englischen Originale kennt, weiß, dass Butcher eine sehr bestimmte Stimmung pflegt: hartgesottener Detektivroman trifft Zauberei, Chicago als düstere Kulisse, ein Protagonist mit zu viel Moral und zu wenig Geld. Das funktioniert. Die Frage ist nur, wie gut.
Harry Dresden und das Klischee, das er kennt
Harry Blackstone Copperfield Dresden ist der einzige Magier im Chicagoer Telefonbuch. Das ist keine Metapher, das steht tatsächlich so drin. Diese Selbstironie ist Butchers wichtigstes Werkzeug. Dresden weiß, dass er in einem Genre lebt, und er kommentiert es. Nicht auf eine anstrengende metafiktionale Art, sondern mit dem trockenen Unterton eines Mannes, der zu viel gesehen hat und deshalb nichts mehr ernst nehmen kann, außer wenn es wirklich ernst ist.
Der Doppelmord, der die Handlung auslöst, ist mit übernatürlichen Kräften verübt worden. Lieutenant Murphy ruft Dresden als Berater, weil die Polizei keine bessere Idee hat. Gleichzeitig ist eines der Opfer der Leibwächter von Johnny Marcone, dem Mafiachef der Stadt, was Dresden in das Visier von Leuten bringt, bei denen man lieber nicht im Visier sein möchte. Die Struktur ist klassisch Detektivroman, die Mittel sind Fantasy. Das ist nicht originell, aber es ist kompetent gemacht.
Frederic Böhle und die Noir-Stimme
Frederic Böhle ist eine gute Wahl für diesen Stoff. Dresdens Ich-Erzählung lebt von einem bestimmten Tonfall: trocken, leicht resigniert, mit Momenten von aufblitzendem Witz. Böhle beherrscht das. Er liest nicht zu theatralisch, was bei Urban Fantasy eine echte Gefahr ist. Die Actionsequenzen bleiben körperlich spürbar, ohne in Hysterie abzugleiten. Die leiseren Momente, und es gibt sie, werden nicht sentimentalisiert.
Was die 9 Stunden und 22 Minuten angenehm macht, ist die Gleichmäßigkeit dieses Tonfalls. Böhle hält Dresden durch das gesamte Hörbuch als eine stimmige Persönlichkeit zusammen. Bei Serienauftakten ist das wichtig: Man muss einen Protagonisten mögen, bevor man bereit ist, weitere dreißig Stunden mit ihm zu verbringen. Das gelingt hier.
Was das Buch nicht löst
Es gibt Kritiken, und ich halte sie für berechtigt. Das Frauenbild in « Sturmnacht » ist tatsächlich problematisch, und das ist kein anachronistisches Zurücklesen moderner Maßstäbe in alte Texte. Das Buch erschien 2000, und selbst für damalige Standards ist Murphys Rolle als weibliche Polizistin, die dem männlichen Experten erst misstraut und dann seine Überlegenheit anerkennt, dünn. Eine Rezensentin schreibt, sie könne sich vorstellen, das Buch in jüngeren Jahren gemocht zu haben. Das ist eine sanfte, aber präzise Kritik.
Die Charaktere insgesamt bleiben im ersten Band flach. Das ist bei Serienauftakten oft so, und Butcher hat laut Rezensionen im Laufe der Serie an Tiefe gewonnen. Aber als Einstiegsband muss « Sturmnacht » für sich stehen, und hier fehlt die Nuancierung. Dresden selbst ist interessant, die Nebenfiguren weniger. Marcone als Antagonist hat Potenzial, das im ersten Band kaum ausgeschöpft wird.
Das alles ändert nichts daran, dass « Sturmnacht » als Unterhaltung funktioniert. Es ist schnell, hat Humor, hat einen spürbaren Rhythmus, und es macht Lust auf mehr, wenn man Genre-Konventionen grundsätzlich mag. Wer hingegen auf zeitgemäßere Charakterzeichnung besteht, sollte wissen, worauf sie sich einlassen.
Häufig gestellte Fragen
Muss man die Harry-Dresden-Bände in der richtigen Reihenfolge hören?
Ja, es gibt eine übergreifende Handlungslinie. Jeder Band ist zwar weitgehend in sich abgeschlossen, aber Charakterentwicklung und Hintergrundgeschichte bauen aufeinander auf. « Sturmnacht » ist der richtige Startpunkt.
Ist das Hörbuch für Hörerinnen geeignet, die mit dem Genre noch nicht vertraut sind?
Ja, Butcher erklärt die Regeln seiner Welt organisch über die Handlung. Vorkenntnisse in Urban Fantasy oder klassischer Detektivliteratur helfen, sind aber nicht nötig.
Wie deutlich sind die erotischen oder gewalthaltigen Szenen, und ab welchem Alter ist das Hörbuch geeignet?
« Sturmnacht » ist für Erwachsene und ältere Jugendliche geeignet. Es gibt Gewaltdarstellungen, die aber nicht grafisch ausgemalt werden. Sexuelle Inhalte sind implizit, nicht explizit. Eine Altersfreigabe ab 16 Jahren wäre angemessen.
Wird das Frauenbild im Laufe der Serie besser?
Laut langjährigen Serienlesern entwickelt sich Murphys Charakter in späteren Bänden deutlich. Im ersten Band bleibt sie eine flache Nebenfigur. Wer damit beginnt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass « Sturmnacht » in dieser Hinsicht nicht repräsentativ für die gesamte Reihe ist.