Auf einen Blick
- Narration: Günter Merlau gibt der viktorianischen Welt der Nebula Convicto eine stimmige atmosphärische Färbung – er verwaltet das große Figurenensemble sicher und hält die Spannung auch in ruhigeren Passagen aufrecht.
- Themes: Identitätsfindung in einer magischen Welt, uralte keltische Mythologie im 19. Jahrhundert, Loyalität und Verrat
- Mood: Dicht und atmosphärisch, mit historischer Patina und Urban-Fantasy-Tempo
- Verdict: Wer Band 1 der Nebula Convicto Chroniken kennt, bekommt hier eine Steigerung in Tempo und Figurentiefe – und wer Dan Dreyer und Torsten Weitze aus anderen Reihen kennt, weiß bereits, worauf er sich einlässt.
Ich war auf dem Weg ins Büro, als Günter Merlau mir zum ersten Mal die Stimme des Quästors Michael Saint George ins Ohr flüsterte, und ich merkte, dass dieser Zuhörmorgen etwas anderes werden würde als geplant. « Miss O’Shea und der Zorn der Banshee » ist der zweite Teil der Nebula Convicto Chroniken, und er belohnt das Kennen des ersten Bandes – aber er belohnt auch die Geduld derjenigen, die sich durch das dichte Worldbuilding hindurchhören, denn auf der anderen Seite wartet eine historische Urban Fantasy, die ihren Figuren mehr Komplexität gönnt als die meisten ihrer Subgenre-Kollegen.
November 1887. Caoimhe « Kiwa » O’Shea, ehemalige Polizeifotografin des Boston Police Department, steht nach den Ereignissen des ersten Bandes vor einer neuen Realität. Die Nebula Convicto – die Welt hinter dem Nebel – hat ihr altes Leben weggespült. Nun bewegt sie sich zwischen Zauberinnen, Gestaltwandlern, der Unendlichen Legion und der Nebelwacht. Und als ob das nicht genug wäre, gilt es einen verletzten Freund zu retten – was sich, wie es bei Dreyer und Weitze meistens geht, schnell zu etwas weitaus Gefährlicherem entwickelt.
Was die Zusammenarbeit Dreyer-Weitze aus dem Roman macht
Dan Dreyer und Torsten Weitze sind in der deutschen Fantasylandschaft keine Unbekannten, und mehrere Rezensenten heben hervor, dass ihre Zusammenarbeit hier ganz besonders trägt. Dreyers Gespür für emotionale Figurenentwicklung und Weitzes Sinn für Plot-Architektur ergänzen sich auf eine Weise, die der Geschichte eine selten gewordene Doppeligkeit gibt: Sie ist herzlich und kalt zugleich, humorvoll und bedrohlich, vertraut und fremd.
Der Vampir Michael Saint George bekommt in dieser zweiten Folge mehr Raum, und das zahlt sich aus. Eine Rezensentin beschreibt ihn treffend: kein glitzernder Hollywood-Vampir, sondern authentisch, manchmal unheimlich und trotzdem charismatisch. Das ist das Wesentliche. Dreyer-Weitze schreiben ihre mythischen Wesen nicht als Dekorationsstücke, sondern als Akteure mit Geschichte.
Keltische Mythologie als tragendes Gerüst
Die Cailleach, eine der ältesten keltischen Gottheiten, ist keine Nebenfigur, die man hinter sich lässt – sie ist das Gewicht, das den gesamten Band nach unten zieht, ins Ältere, ins Gefährlichere. Der Schleier muss halten. Koste es, was es wolle – dieser Satz ist nicht nur Aufmacher-Prosa, er beschreibt die eigentliche Spannung des Romans: Wie viel kostet es, wenn uralte Talente heraufbeschworen werden, die lieber ungeweckt geblieben wären?
Die Recherche hinter dem Setting spürt man. Ein Rezensent lobt ausdrücklich die saubere Hintergrundrecherche, die der Geschichte eine passende Bühne bereitet. Das 19. Jahrhundert Boston ist keine bloße Kulisse, sondern eine Welt mit ihren eigenen Gesetzen – soziale Klassen, Geschlechterrollen, Pressekultur – die dann mit dem magischen Nebula-System in Konflikt geraten. Diese Reibung ist das, was den Chroniken ihren besonderen Ton gibt.
Günter Merlau und das Problem des vollen Figurenraums
Günter Merlau ist ein erfahrener Sprecher, und das braucht er hier auch. Das Figurenensemble ist groß: Kiwa, Saint George, die schrulligen Begleiter, diverse Gegenspieler, die aus der Ferne ihre Fäden ziehen. Merlau hält das Ensemble auseinander, ohne in Stimm-Karikatur zu verfallen. Sein Hauptverdienst liegt in der Gleichmäßigkeit der Atmosphäre – er lässt die viktorianische Welt nicht in eine modern-knackige Urban-Fantasy kippen, sondern bewahrt ihr das nötige Gewicht.
Ein einziger Wermutstropfen, der ehrlichkeitshalber nicht fehlen darf: Ein Rezensent hat für die Buchfassung eine auffällige Häufung von Tipp- und Rechtschreibfehlern besonders in der Mitte des Bandes bemängelt. Das Hörbuch ist davon naturgemäß unberührt, aber es ist ein Hinweis auf redaktionelle Sorgfalt, die man für kommende Bände wünscht.
Für wen sich das Hören lohnt
Wer Band 1 kennt und liebt, hört Band 2 ohnehin. Wer die Nebula-Welt noch nicht kennt, sollte unbedingt mit dem ersten Band beginnen – dieser hier setzt Kenntnis voraus und erklärt kaum nach. Fantasy-Hörerinnen und -Hörer, die historische Settings mögen, keltische Mythologie schätzen und mit dichten Welten kein Problem haben, werden auf ihre Kosten kommen. Wer schnelle, einfache Action-Kost sucht, findet hier Tempo – aber auch Tiefe, die Geduld verlangt.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich Band 1 der Nebula Convicto Chroniken gehört haben, um Band 2 zu verstehen?
Unbedingt ja. Der zweite Teil setzt die Kenntnis der Figuren, der Welt und der Ereignisse aus Band 1 voraus. Als Einstieg in die Reihe ist er nicht geeignet.
Wie zugänglich ist das Worldbuilding für Hörerinnen, die mit der Nebula-Welt noch nicht vertraut sind?
Das Worldbuilding ist dicht und setzt Vorwissen voraus. Wer neu einsteigt, wird sich anfangs orientieren müssen. Erfahrene Fantasy-Hörerinnen schaffen das – aber der Einstieg über Band 1 bleibt der empfohlene Weg.
Ist Miss O’Shea und der Zorn der Banshee besser als Band 1, oder eher gleichwertig?
Mehrere Rezensenten beschreiben Band 2 als Steigerung – mehr Tempo, mehr Figuren-Tiefe, mehr Komplexität. Besonders der Charakter Michael Saint George gewinnt an Profil. Wer Band 1 mochte, wird hier nicht enttäuscht.
Gibt es weitere Bände in den Nebula Convicto Chroniken, und wie viele sind geplant?
Das Autorenteam beschreibt die Reihe als Tetralogie. Stand dieser Rezension sind zwei Bände erschienen, weitere folgen.