Auf einen Blick
- Sprecher: Stephan Schad gibt Florian Illies’ essayistischer Prosa die ruhige Eleganz, die sie braucht, ohne die leise Ironie des Autors zu begräbnissen.
- Themen: Kunstgeschichte als Zeitgeschichte, Vergänglichkeit von Bildern, das Nachleben eines Malers in Weltpolitik und Alltag
- Stimmung: Nachdenklich und assoziativ, wie ein langer Spaziergang durch ein Museum an einem ruhigen Dienstag
- Fazit: Wer Caspar David Friedrich mehr als ein Schulbuchbild kennen will, findet hier ein außergewöhnliches Audioerlebnis.
Ich war halbwegs durch meinen Morgenkaffee, als ich « Zauber der Stille » zum ersten Mal laufen ließ, und ich habe die Tasse kalt werden lassen. Florian Illies schreibt über Caspar David Friedrich so, wie man über einen Menschen schreibt, den man wirklich kennt: mit Faszination, mit ein bisschen Schwindel und mit einem Sinn für die absurden Zufälle der Geschichte. Stephan Schad liest das so, dass man nicht mehr aufhören will zuzuhören.
Das Buch ist keine Biografie im klassischen Sinne und kein Kunstführer. Es ist eine Reise durch die Geschichte der Bilder Friedrichs: wo sie herkamen, wo sie landeten, wer sie liebte, wer sie hasste und warum. Dass Hitler Friedrich verehrte und die 68er ihn ablehnten. Dass Goethe seine Bilder auf der Tischkante zerschlagen wollte, weil ihn ihre rätselhafte Melancholie so wütend machte. Dass Walt Disney sich von Friedrichs Abendlandschaften inspirieren ließ, als er Bambi entwickelte. Illies spinnt diese Fäden mit einer Leichtigkeit, die täuscht, denn dahinter steckt jahrelange Recherche.
Stephan Schad als Stimme des Essayisten
Stephan Schad ist ein Sprecher, der versteht, dass Illies’ Prosa keine Nachhilfe braucht. Er hält das Tempo des Textes, ohne ihn zu beschleunigen oder zu dramatisieren. Das ist klüger, als es klingt. Illies’ Sätze haben ihre eigene Rhythmik, eine Mischung aus historischer Genauigkeit und abrupten assoziativen Sprüngen. Schad folgt dieser Rhythmik, statt ihr seinen eigenen Stil aufzuzwingen. Wenn Illies von einem russischen Zarenhof zu einer Autowerkstatt der Mafia springt, klingt das bei Schad wie der natürlichste Übergang der Welt. Diese Diskretion ist das größte Kompliment, das ich einem Sprecher machen kann.
Was Goethe und die Mafia gemeinsam haben
Das eigentliche Thema von « Zauber der Stille » ist nicht Caspar David Friedrich, sondern die Art, wie Bilder durch die Zeit reisen. Illies zeigt, dass ein Gemälde nicht einfach entsteht und dann fertig ist. Viele von Friedrichs schönsten Werken sind verbrannt, erst in seinem Geburtshaus, dann im Zweiten Weltkrieg. Andere tauchen Jahrzehnte nach seinem Tod wieder auf, wie der Kreidefelsen auf Rügen, der aus dem Nebel der Geschichte auftaucht wie ein Gespenst. Was überlebt, was verloren geht, wer entscheidet das und warum? Das sind die Fragen, die Illies treibt, und sie sind viel größer als ein einzelner Maler.
Was ich besonders schätze: Illies weiß, wann er aufhören soll zu erklären. Er ist kein Kunsthistoriker, der belehrt, er ist ein Erzähler, der seine Begeisterung teilt. Das macht « Zauber der Stille » zu einem Hörbuch, das auch für Hörerinnen funktioniert, die nicht wissen, wer Caspar David Friedrich war. Man muss kein Vorwissen mitbringen. Man braucht nur Neugier.
Sechs Stunden, die sich nicht so anfühlen
Mit 6 Stunden und 28 Minuten ist « Zauber der Stille » eines der kürzeren Hörbücher, die ich in letzter Zeit gehört habe. Das ist trügerisch. Illies packt so viel in diese Laufzeit, dass man an manchen Stellen kurz innehalten möchte, um das eben Gehörte sacken zu lassen. Ich habe das Hörbuch über zwei Tage verteilt gehört und fand das angenehmer als einen Durchlauf, weil man die Bilder, die Illies beschreibt, zwischen den Hörsessions im Kopf tragen kann.
Für wen dieses Hörbuch passt
Wer Illies’ früheres Buch « 1913 » gelesen hat, weiß, was ihn erwartet: diesen assoziativen, sprungfreudigen Erzählstil, der Fakten und Atmosphäre nahtlos verwebt. Wer Illies noch nicht kennt, macht mit diesem Hörbuch eine gute erste Bekanntschaft. Für alle, die Kunstgeschichte bisher als trocken empfunden haben, ist das eine Einladung zur Versöhnung. Wer dagegen klassische wissenschaftliche Kunstgeschichte erwartet, wird sich über die erzählerischen Freiheiten des Autors wundern. Das ist kein Kompendium, sondern ein Erlebnis.