Auf einen Blick
- Sprecher: Sven Regener liest sein eigenes Buch mit lakonischem Gleichmut und perfektem Gespür für seinen eigenen Ton — kaum jemand anderes hätte das besser hinbekommen.
- Themen: Technokultur der 90er, Nüchternheit und Zugehörigkeit, Wendezeit und ihre Nachwirkungen
- Stimmung: Trocken, mäandernd und heimlich herzlich
- Fazit: Kein Einstiegspunkt in die Karl-Schmidt-Welt, aber für Fans der Herr-Lehmann-Bücher eine echte Freude.
Ich war ungefähr achtzehn, als mir eine ältere Cousine « Herr Lehmann » in die Hand drückte und sagte: « Lies das, aber erwarte nichts. » Das war guter Rat. Regener enttäuscht grundsätzlich alle, die etwas Bestimmtes erwarten. Genau das macht seine Bücher so eigenartig gut. Als ich also « Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt » startete, hatte ich diese Warnung noch im Ohr.
Karl Schmidt ist für Regener-Leser eine alte Bekannte: Er verschwand am Ende von « Herr Lehmann » — pünktlich zum Mauerfall — in der Psychiatrie, mit einer Psychose, die diversen bewusstseinsverändernden Substanzen zu verdanken war. In « Magical Mystery » taucht er nun wieder auf, Jahre später, clean, in einer Hamburger Drogen-WG, arbeitend als Hilfshausmeister. Und dann, wie es in diesen Büchern immer ist, werden alte Bekannte angeschleppt, und das Leben gerät wieder in Bewegung.
Die Tour als Erzählrahmen
Der Plotantrieb ist diesmal ein Plattenlabel und eine Deutschlandtournee. Karls frühere Kumpels, inzwischen reich und erfolgreich in der Musikbranche, wollen den Rave der Neunziger mit dem Hippiegeist der Sechziger versöhnen. Sie brauchen jemanden, der nüchtern bleiben muss. Karl passt. Das ist, in seiner ganzen lakonischen Logik, typisch Regener: Jemand landet in einem Abenteuer nicht aus Heldenmut, sondern weil er zufällig der Einzige ist, der nicht betrunken ist.
Die Tournee durch Deutschland gibt dem Buch eine lose Episodenstruktur — jeder Ort, jede Nacht ist ein kleines Miniabenteuer. Rezensent « Malte » beschreibt treffend, wie lebendig Regener die frühe Technokultur einfängt: « Die Anfänge der Technokultur einfangen » ist vielleicht der stärkste historische Akzent des Buchs. Wer diese Zeit selbst erlebt hat, wird nicken. Wer zu jung war, bekommt ein Fenster in eine Epoche, die im deutschen Literaturgedächtnis erstaunlich wenig Platz hat.
Regener als sein eigener Sprecher
Sven Regener liest dieses Buch selbst, und das ist kein neutrales Faktum. Regener spricht so, wie er schreibt: gleichmütig, ohne Betonung dort, wo andere Dramatik hineinhämmern würden, mit einem trockenen Humor, der sich fast versteckt. Der Rhythmus seiner Sätze ist unverwechselbar, und er hört sich selbst genau zu — man merkt, dass er weiß, wo die Komik sitzt, und sie nicht erklärt.
Das ist ein Risiko: Wer mit diesem Erzählton nicht vertraut ist, könnte das Hörbuch für ereignisarm oder zu ruhig halten. « Buecheroeli » schreibt, dass die Figuren in diesem Band « etwas blass bleiben » im Vergleich zu den Vorgängern — das ist eine faire Beobachtung. « Magical Mystery » hat nicht die emotionale Wucht von « Neue Vahr Süd ». Aber es hat Regeners Stimme, die in der Hörbuchform nochmal eine andere Qualität bekommt, weil man ihn direkt hört, nicht nur liest.
Ein Buch, das seine Grenzen kennt
« Magical Mystery » ist das schwächste der Herr-Lehmann-Bücher — das sagen selbst eingefleischte Fans. Die Figuren außer Karl bleiben skizzenhaft, die Tournee-Episoden sind manchmal mehr Atmosphäre als Plot, und wer mit der Techno- und Raveszene wenig anfangen kann, wird stellenweise den Draht verlieren. Rezensent « Oparazzo » nennt den Band « Tour de Trance » und meint das wörtlich: Man gleitet hindurch, ohne sich festhalten zu können.
Gleichzeitig: Als Abschluss einer inoffiziellen Reihe, als Wiedersehen mit Karl Schmidt, als zehn Stunden in Regeners unverwechselbarem Kosmos — das ist es. Wer die vorherigen Bücher nicht kennt, sollte hier nicht anfangen. Wer sie kennt, wird sich freuen, Karl noch einmal zu begegnen, bevor er endgültig aus dem Bild geht.
Wer sollte reinhören
Für Leser und Hörer, die die Herr-Lehmann-Bücher kennen und lieben, ist « Magical Mystery » ein vergnüglicher Abschluss. Als eigenständiges Hörbuch für Regener-Neulinge ungeeignet — erst « Herr Lehmann » lesen, dann hier weitermachen. Wer außerdem ein Faible für die deutsche Wendezeit, frühe Technokultur oder das Erzählen von Menschen, die einfach so durch das Leben stolpern, hat, wird sich wohlfühlen.