Auf einen Blick
- Sprecher: Simon Jäger trifft den zynischen Ton von Siggi Buckmann punktgenau — eine trockene, leicht selbstgefällige Stimme, die perfekt zum verbitterten Amtsrichter passt.
- Themen: Justizirrsinn und Bürokratie, moralische Graubereiche, schwarzer Humor
- Stimmung: Satirisch und bissig, mit einem Unterton echter Frustration
- Fazit: Wer Karsten Dusse liebt und sich für den deutschen Justizapparat interessiert, findet hier eine frische, witzige Stimme mit echtem Insiderwissen.
Es war ein Dienstagabend, und ich wollte eigentlich früh schlafen. Dann legte ich « Richter morden besser » ein und blieb bis fast Mitternacht auf — nicht weil mich die Spannung nicht losliess, sondern weil mir Siggi Buckmann schlicht zu vertraut vorkam. Dieser Mann, der einmal die Welt gerechter machen wollte und nun Dienst nach Vorschrift schiebt, ist eine Figur, bei der man unwillkürlich nickt. Thorsten Schleif schreibt aus dem echten Richteralltag heraus, und das spürt man auf jeder Seite.
Dabei ist das Buch keine bittere Abrechnung mit dem System, auch wenn das Material dafür reichlich vorhanden wäre. Es ist eher ein müdes, scharfsinniges Schmunzeln von jemandem, der weiss, wie das Spiel gespielt wird. Und dann, als ein Obdachloser stirbt und die Verantwortlichen ungestraft davonkommen, beschliesst Siggi, das Spiel anders zu spielen.
Ein Richter als Insider — und das merkt man
Was « Richter morden besser » von anderen deutschen Justizkrimis unterscheidet, ist das konkrete Detailwissen, das Schleif einbringt. Hier wird nicht Hollywood-Justiz serviert, sondern der echte Papierkrieg, die Berufungsverfahren, das kollegiale Gewirr von « man kennt sich halt ». Eine Rezensentin schrieb, das Buch bilde die Behörden- und Gerichtsrealität in Deutschland leider gut ab — dieses « leider » sagt alles. Schleif weiss, wie man mit einem Verbrechen davonkommt, weil er tagtäglich die Urteile liest, die das ermöglichen. Diese Innenperspektive verleiht dem Stoff eine Glaubwürdigkeit, die man bei Krimiautoren ohne juristischen Hintergrund selten findet.
Ein anderer Leser zog explizit den Vergleich zu Karsten Dusse, dem Autor der « Achtsam morden »-Reihe, und der liegt nicht falsch. Beide Bücher spielen mit der Idee, dass ein vernünftiger Mensch mit dem richtigen Fachwissen zum perfekten Täter werden könnte. Aber wo Dusse den Mediationsberater nimmt, nimmt Schleif den Richter — und das ist eine noch bitterere, noch trockenere Pointe.
Was Simon Jäger aus Siggi macht
Simon Jäger, den man aus diversen deutschen Hörbuchproduktionen kennt, liest diese Geschichte mit einer angenehm nüchternen Distanz. Er überzeichnet nicht. Siggi Buckmanns Zynismus klingt bei ihm nicht wie Clownerie, sondern wie die müde Überzeugung eines Mannes, der zu viele Akten gelesen hat. In den Momenten, wo Schleif wirklich sarkastisch wird — und das passiert regelmässig — erlaubt sich Jäger ein leichtes, fast unsichtbares Lächeln in der Stimme. Das funktioniert gut. Es gibt keine dramatischen Ausbrüche, keine aufgesetzte Emotion. Der Ton bleibt konsistent kühl, und das ist genau richtig für diesen Stoff.
Auf knapp sechs Stunden Laufzeit ist das auch keine Herausforderung für die Konzentration. Man kann dieses Hörbuch bequem an einem Wochenende durchhören, und der Rhythmus erlaubt es, zwischendurch kurz abzuschalten, ohne den Faden zu verlieren.
Die kleine Schwäche: Stil kommt vor Dramatik
Eine kritische Stimme in den Rezensionen brachte einen Punkt, den ich nachvollziehen kann: Schleif ist Richter, kein geborener Romancier. Der Stil trägt gelegentlich die Handschrift von jemandem, der Urteilsbegründungen gewohnt ist — präzise, aber manchmal etwas spröde. Die Figurenzeichnung ist solide, aber die Nebencharaktere bleiben oft flach. Das Buch lebt von seiner Prämisse und seinem Witz, weniger von komplexer Charakterentwicklung. Wer tiefe emotionale Bögen erwartet, liegt hier falsch.
Aber das ist auch nicht der Anspruch. « Richter morden besser » ist ein unterhaltsamer, kluger Krimi mit echter Substanz, der einen gleichzeitig zum Lachen bringt und nachdenklich macht. Als Auftakt einer Reihe rund um Siggi Buckmann macht er Lust auf mehr — und das ist, bei aller Bescheidenheit, das Wichtigste, was ein erster Band leisten muss.
Wer sollte dieses Hörbuch hören — und wer eher nicht
Empfehlenswert für alle, die schwarzen Humor mit echtem Informationsgehalt schätzen, die Karsten Dusse oder Ferdinand von Schirach mochten, oder die einfach wissen wollen, wie der deutsche Rechtsstaat von innen aussieht. Weniger geeignet für Hörer, die einen klassischen Pageturner mit hohem Tempo suchen, oder die beim Krimi vor allem komplexe Charakterstudien erwarten. Wer beides kennen will: Erst hier anfangen, dann Band zwei bestellen.