Auf einen Blick
- Sprecher: Sven Regener liest sein eigenes Buch, und das trägt alles: Seine Stimme ist die einzig richtige für Frank Lehmanns Welt.
- Themen: Kreuzberger Subkultur, absurde Komödie, Künstlermilieus der 1980er Jahre
- Stimmung: Warm, chaotisch und unweigerlich komisch, wie ein langer Abend im Café Einfall
- Fazit: Ein Vergnügen für alle, die den Lehmann-Kosmos kennen und lieben. Wer neu ist, fängt besser mit « Herr Lehmann » an.
Es war ein Samstagvormittag, ich hatte keine Pläne, und « Wiener Straße » wartete schon seit Wochen in meiner Bibliothek. Ich habe auf Play gedrückt, eigentlich nur um zu hören, wie es beginnt. Zweieinhalb Stunden später war ich immer noch auf dem Sofa, hatte den Kaffee vergessen und lachte über eine Szene mit einem Schwangerschaftssimulator, die ich am liebsten sofort nochmal gehört hätte. So ist das mit Sven Regener.
Hinweis vorab: Die Metadaten dieses Titels sind vertauscht. Als Autor ist im Datensatz « Gesprochen von: Sven Regener » angegeben, als Sprecher steht die Laufzeit. Tatsächlich ist Sven Regener beides: Autor und Sprecher. Er liest sein eigenes Buch, und das ist keine Kleinigkeit.
Warum die Selbstlesung hier nicht optional ist
Sven Regeners Prosa lebt von einem ganz bestimmten inneren Rhythmus. Der Gedankenfluss seiner Figuren, das Verschachteln, das geduldige Weiterschweifen, das Gedachte immer weiter bis an entfernte Ufer treiben, das funktioniert auf der Seite schon außergewöhnlich gut. Aber wenn Regener es selbst spricht, bekommt es eine zusätzliche Dimension. Man hört, wo die Komik sitzt. Man hört, wann ein Satz so lang werden muss, dass er fast zusammenbricht, bevor er sich rettet. Eine fremde Stimme würde das kaum nachbauen können. Ein Rezensent bringt es auf den Punkt: Er würde es gar nicht anders wollen.
Kreuzberg 1980, Frank Lehmann und schräge Vögel aller Art
« Wiener Straße » beginnt im November 1980, an dem Tag, an dem Frank Lehmann in eine Wohnung über dem Café Einfall verfrachtet wird, weil er Erwin Kacheles Familienplanung im Weg steht. Von dort aus entfaltet sich ein Panoptikum aus österreichischen Aktionskünstlern, einem Fernsehteam, einem einstigen Intimfriseurladen, Kettensägen, einer Kreuzberger Kunstausstellung und einem Besuch einer Mutter, der alles noch komplizierter macht. Das ist ein typischer Regener-Plot: Die Handlung ist weniger wichtig als das, was die Figuren dabei denken, sagen und missverstehen.
Das Buch ist der vierte Teil des Lehmann-Epos, nach « Herr Lehmann », « Neue Vahr Süd » und « Der kleine Bruder ». Man kann es lesen, ohne die ersten drei zu kennen, aber man sollte es nicht tun. Nicht weil man die Handlung nicht verstehen würde, sondern weil man die Figuren nicht kennt. Karl Schmidt, H. R. Ledigt, Erwin Kachele, sie alle haben Geschichte, und diese Geschichte macht sie in « Wiener Straße » erst wirklich funny. Wer mit Lehmann nicht vertraut ist, läuft Gefahr, das Buch als netten Kreuzberger Schwank abzuhaken. Wer ihn kennt, versteht, dass es hier um etwas Größeres geht: um eine ganze Welt, die sich kurz vor dem Wendepunkt befindet.
Wo « Wiener Straße » steht im Lehmann-Kanon
Ehrlich gesagt ist die Frage, ob « Wiener Straße » an die ersten drei Bände herankommt, unter Regener-Fans umstritten. Ein Rezensent schreibt, dass er es für fast das beste aus dem Lehmann-Epos hält, weil es einfach nur lustig ist, ohne Nervenzusammenbrüche. Ein anderer findet, dass es die inneren Selbsterzählungen, die ihn an den früheren Büchern so begeistert haben, etwas vernachlässigt, weil Regener nun auch in andere Figuren hineinschaut. Beide haben recht, und beide beschreiben eigentlich dasselbe Buch. « Wiener Straße » ist luftiger, äußerlicher, komödiantischer. Ob man das als Verlust oder Gewinn verbucht, hängt davon ab, was man von Regener möchte.
Für mich persönlich war der Abstand zum Lehmann der früheren Bände kein Problem. Die sechs Stunden vergehen mit einer Leichtigkeit, die man selten findet. Und wenn Regener seine eigene Sprache in der eigenen Stimme trägt, ist das schlicht eine sehr besondere Erfahrung.
Wer sollte zuhören, wer nicht
Wer die Lehmann-Trilogie kennt und liebt: sofort. Wer Kreuzberger Wimmelmilieus, absurde Situationskomik und Prosa mag, die sich Zeit nimmt: sehr empfehlenswert. Wer Regener nicht kennt: bitte mit « Herr Lehmann » beginnen, nicht hier. Wer Bücher braucht, in denen viel passiert: falsche Adresse.