Auf einen Blick
- Sprecher: Tim Boltz liest seine eigene Geschichte und das hört man auf die beste Art: Mit timing-perfekter Selbstironie und einem trockenen Wortwitz, der aus dem Text eine echte Bühnennummer macht.
- Themen: Männlichkeitskrise und Selbstfindung, Liebeskomödie, Frankfurter Lokalkolorit
- Stimmung: Leicht und kurzweilig, mit Lachgarantie bei den Situationskomik-Momenten
- Fazit: Für einen entspannten Nachmittag mit echten Lachern kaum zu schlagen, auch wenn man keine Tiefgründigkeit erwarten sollte.
Es war ein Dienstagmittag, irgendwo auf der A3 zwischen Frankfurt und Köln, und ich hatte mir gerade etwas « Leichtes » für die Fahrt eingeladen. Tim Boltz’ « Weichei » tauchte in meiner Warteschlange auf, knapp fünf Stunden, ich dachte: passt. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass ich an einer Raststätte in Limburg am Straßenrand stehen und lachen würde, weil ich nicht riskieren wollte, beim Fahren zu sehr abgelenkt zu werden. Das ist das beste Lob, das ich für ein Komödie-Hörbuch habe.
« Weichei » ist die Geschichte von Robert Süßemilch, einem Mittdreißiger mit einer gescheiterten Beziehung und einem schlecht bezahlten Job. Seine Exfreundin hat ihm auf dem Weg raus das Wort « Weichei » hinterhergerufen, und Robert beschließt, ihr das Gegenteil zu beweisen. Was folgt, ist eine Serie von grotesken Selbstversuchen: eine Fehlzündung auf einer Party, ein Abstecher ins Rotlichtmilieu, der schnell zum Desaster wird, und Speeddating-Erlebnisse, die man sich eigentlich nicht ausdenken kann. Bis das Schicksal ihm eine Tür öffnet, aber eben nur so weit, dass eine einzige Lüge hindurchpasst.
Wenn der Autor selbst am Mikrofon sitzt
Tim Boltz liest sein eigenes Buch, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Manche Autoren stolpern bei der Selbstlesung über ihre eigenen Sätze oder wirken so, als würden sie eine Buchpräsentation halten statt eine Geschichte zu erzählen. Boltz nicht. Er kennt seine eigenen Pointen so gut, dass er sie atmen lässt, ihnen die richtige Pause gibt, bevor er die Pointe setzt. Gerade bei der Situationskomik, die mehrere Rezensenten ausdrücklich gelobt haben, zahlt sich das aus. Der Moment, in dem Robert einen besonders unglücklichen Versuch unternimmt, seinen neuen « harten Kerl »-Status unter Beweis zu stellen, und dabei auf spektakuläre Weise scheitert, klingt in Boltz’ eigenem Mund ganz anders als er es in einem fremden Sprecher täte. Man spürt die Freude des Autors an seiner Figur.
Wer Frankfurt kennt, bekommt zudem ein Extralevel an Genuss: Die Locations, von Weinproben bis zu bestimmten Restaurants, sind real und erkennbar, und Boltz spricht darüber mit dem Ton eines Mannes, der diese Stadt in- und auswendig kennt.
Was das Buch ist, und was es nicht ist
Ich sage das direkt: « Weichei » ist Unterhaltungsliteratur ohne Ambitionen auf mehr. Es gibt keine Tiefgründigkeit, keine literarischen Überraschungen, keine besonders originelle Handlung. Robert Süßemilch ist kein neuer Bridget Jones und keine deutsche Variante von Nick Hornbys High Fidelity. Die Geschichte bedient bekannte Muster, und sie tut das mit Bewusstsein. Was Boltz auszeichnet, ist der Wortwitz innerhalb dieser vertrauten Strukturen, die Fähigkeit, eine an sich vorhersehbare Situation durch einen perfekt platzierten Satz komisch zu machen. Eine Rezensentin hat es gut auf den Punkt gebracht: « Genau das Richtige für diejenigen, die einfach nur gut unterhalten werden möchten, ohne auf tiefergreifende Kost Wert zu legen. » Das ist keine Kritik, das ist eine präzise Beschreibung.
Der Mittelteil hat ein leichtes Durchhängerproblem. Die Episode im Rotlichtmilieu zieht sich etwas länger, als sie Lacher produziert, und wer auf den Speeddating-Teil wartet, braucht etwas Geduld. Aber Boltz holt sich das Tempo zurück, und das letzte Drittel, in dem die titelgebende Lüge ihre Folgen entfaltet, ist das Beste des ganzen Buches.
Kurzweil mit Eigenwert
Was mich beim Nachhören noch beschäftigt hat: Boltz hat eine Nachfolge mit demselben Protagonisten geschrieben, « Nasenduscher », und zumindest ein Rezensent findet den sogar noch besser. Das ist ein gutes Zeichen. Robert Süßemilch ist eine Figur mit Potential für Entwicklung, und wenn Boltz im zweiten Band den Mut hat, seinen Protagonisten aus den allzu bekannten Mustern herauszuführen, könnte die Reihe ein kleines Juwel der deutschen Hörbuch-Komödie werden.
Mit knapp fünf Stunden Laufzeit ist « Weichei » kein großes Zeitversprechen. Es passt auf eine Autofahrt, eine Zugfahrt, einen langen Spaziergang. Für diese Art von Begleitung ist es gemacht, und in dieser Funktion macht es seine Aufgabe ausgezeichnet.
Wer sollte hören, wer lieber nicht
Empfohlen für: Alle, die eine leichte Komödie ohne narrative Komplikationen suchen, Boltz-Neulinge die sich einen Eindruck verschaffen wollen, Frankfurt-Kenner mit Sinn für lokalen Humor. Weniger geeignet für: Wer bei Romanen auf psychologische Tiefe oder literarische Originalität Wert legt, wird hier nicht fündig. Auch wer den Vorgängerband oder die gesamte Reihe als Pflichtprogramm erwartet, sollte wissen: « Weichei » funktioniert als eigenständige Geschichte und ist der erste Band der Robert-Süßemilch-Reihe.