Auf einen Blick
- Sprecher: David Nathan ist der deutsche Stephen King. Seine Fähigkeit, Freemantle von gebrochenem Mann zu etwas Unheimlichem zu führen, macht die 25 Stunden zum Ereignis.
- Themen: Trauma und Neuanfang, Kunst als Kanal für das Unerklärliche, der dünne Film zwischen Realität und Wahn
- Stimmung: Langsam aufbauend, mit einem unterschwelligen Gruseln, das nie loslässt
- Fazit: Wer Kings leisere, atmosphärisch dichte Seite kennenlernen möchte, findet hier eine seiner stärksten deutschen Produktionen.
Ich erinnere mich genau, wo ich war, als ich die erste Stunde dieses Hörbuchs gehört habe: auf dem Rücksitz eines Nachtzugs zwischen München und Hamburg, Fenster beschlagen, der Zug halb leer. Es war nach Mitternacht, und David Nathan flüsterte mir von Edgar Freemantle ins Ohr. Vom Arm, den er verloren hatte. Von der Hüfte, die nicht mehr so wollte wie früher. Von dem seltsamen Drang, auf einer Insel vor Florida anzufangen zu malen, obwohl er das noch nie getan hatte.
Ich habe nicht schlafen können an diesem Abend. Nicht weil ich Angst hatte. Sondern weil ich nicht aufhören wollte zuzuhören.
Ein Stephen King, der leise beginnt
Wer King nur von seinen Schockern kennt, von blutenden Hotels oder tanzendem Clown, wird von diesem Buch zunächst überrascht sein. Wahn, im englischen Original Duma Key, beginnt als Krisenliteratur. Edgar Freemantle, erfolgreicher Bauunternehmer, verliert bei einem Arbeitsunfall seinen rechten Arm und beinahe sein Leben. Seine Ehe zerbricht. Er zieht sich zurück. Und er fängt an zu malen.
King interessiert sich in diesem Buch für etwas, das er selten so ausgiebig erkundet hat: den Heilungsprozess nach einem zerstörenden Ereignis, und wie das Schöpferische dabei hilft und gleichzeitig gefährlich werden kann. Die Florida-Insel wirkt zuerst wie ein Sanatorium, ruhig und schön. Dann beginnen Edgars Bilder Wirklichkeit zu werden. Was er malt, erscheint. Was er ausradiert, verschwindet. Auch Menschen.
Das ist kein billiger Grusel. King baut das langsam auf, mit einer Sorgfalt für Figuren und Milieu, die sein Frühwerk manchmal vermissen lässt.
David Nathan und die Kunst, eine Welt zu tragen
Es gibt wenige Sprecher im deutschen Hörbuchmarkt, denen man 25 Stunden lang so bereitwillig folgt. David Nathan ist einer davon. Er versteht Kings Rhythmus. Er weiß, wann er beschleunigen darf und wann er einen Satz stehen lassen muss, damit er wirken kann. Besonders gut gelingt ihm Freemantle selbst: ein Mann, der nach dem Unfall eine neue Art zu sprechen lernen musste. Nathan gibt dieser Figur Tiefe, ohne sie zu überhöhen.
Das Problem mit der Länge
25 Stunden und 11 Minuten sind eine ernsthafte Verpflichtung. Es gibt Passagen, besonders im mittleren Drittel, die sich ein wenig ziehen. Wer schnellen Horror erwartet, wird zwischendrin ungeduldig. Aber genau darin liegt auch die Stärke: King nimmt sich die Zeit, Freemantle glaubwürdig zu machen. Wenn die Dinge sich verschieben, hat man diese Figur schon lieb gewonnen. Der Schrecken funktioniert, weil man sich sorgt.