Auf einen Blick
- Sprecher: Patrick Salmen liest sein eigenes Buch — und das ist kein Nachteil. Seine Slam-Poetry-Bühnenerfahrung macht aus der Lesung eine Art One-Man-Show, energetisch und selbstironisch.
- Themen: Moderne Stadtmensch-Absurditäten, Selbstoptimierungswahn, Familiengründung vs. Selbstverwirklichung
- Stimmung: Leicht und sarkastisch, perfekt für zwischendurch
- Fazit: Kein zusammenhängendes Buch im klassischen Sinn, aber ein vergnügliches Hörerlebnis für alle, die sich im Instagram-Zeitalter wiedererkennen wollen.
Ich habe dieses Hörbuch an einem Samstagvormittag beim Aufräumen gehört — was sich im Nachhinein als ideale Konstellation herausgestellt hat. « Treffen sich zwei Träume. Beide platzen. » ist kein Buch, das man in konzentrierter Stille auf sich wirken lässt. Es ist eher Gesellschaft. Hintergrundrauschen mit Witz. Patrick Salmen, Dortmunder Slam Poet und Autor, trägt hier sein Material selbst vor, und das hört man in jedem Satz.
Zur Einordnung: Die Metadaten dieses Hörbuchs sind etwas durcheinandergeraten — als Autor wird « Gesprochen von: Patrick Salmen » angegeben, als Spieldauer findet sich dort, wo der Sprecher stehen sollte, eine Zeitangabe. Tatsächlich ist Patrick Salmen beides: Autor und Sprecher dieses Werks. Er hat es geschrieben, er liest es ein, und das gibt dem Ganzen den Charakter einer Live-Lesung.
Slam Poetry trifft Beziehungsstress und Avocado-Toast
Was Salmen in diesem Buch versammelt, sind Geschichten, Kurzdramen, Ratgeberparodien und Beobachtungen über den urbanen Mitdreissiger im Jahr 2024. Orientierungslose Jungväter, Avocado-Junkies im Superfood-Wahn, Vorzeige-Pärchen mit Wandtattoos — das klingt zunächst nach bekanntem Milieu-Humor, und ja, das Terrain ist nicht unbekannt. Aber Salmen hat die Gabe, dem Vertrauten einen eigenen Dreh zu geben. Wenn er über das Gleichgewicht zwischen Achtsamkeit und Lebensfreude schreibt, klingt das nie wie ein erhobener Zeigefinger, sondern wie jemand, der gerade selbst keines von beidem hinbekommt.
Ein Rezensent schrieb, er habe beim Lesen gedacht: « Oh Gott, der schreibt über mich. » Das ist das Zielpublikum. Wer sich in Salmens Welt wiedererkennt — im Kontrast zwischen trister Realität und Instagram-Ästhetik, zwischen Romantik und gelegentlichem Menschenhass — wird hier regelmässig grinsen.
Die Grenzen des Formats
Es wäre unehrlich, das nicht anzusprechen: « Treffen sich zwei Träume. Beide platzen. » ist kein Roman mit Handlungsbogen. Es gibt keinen roten Faden, keine Charaktere, die sich entwickeln, keine Auflösung. Das Buch ist ein Sammelband — gut gemacht, aber episodisch. Wer nach dreieinhalb Stunden ein befriedigendes Ende erwartet, wird enttäuscht sein. Wer hingegen bereit ist, das Format als das zu nehmen, was es ist — eine Abfolge von Sketches, Beobachtungen und kleinen Momentaufnahmen — hat seinen Spass.
Auf 3 Stunden und 33 Minuten ist das auch keine überwältigende Zeitinvestition. Man kann gut hineinhorchen, dann pausieren, einen Kaffee trinken und weitermachen. Das passt zum Inhalt.
Was die Eigenlesung bringt
Salmens Vortrag ist eindeutig sein grösstes Asset. Er kennt sein eigenes Material in- und auswendig, weiss genau, wo die Pointen sitzen, und lässt sich Zeit. Es gibt Stellen, wo man das leise Vergnügen spürt, das er selbst an einem Satz hat — und das überträgt sich. Eine professionelle Fremdlesung hätte hier vermutlich nicht dasselbe geleistet. Slam Poetry ist Körpersprache und Timing, und Salmen bringt beides mit.
Was die Lesung nicht ausgleichen kann, sind Textstellen, die auf der Bühne funktionieren mögen, im Hörbuchformat aber etwas an Wirkung verlieren. Ohne visuellen Kontext, ohne Publikumsreaktion, ohne den Raum, fühlen sich manche Passagen etwas schwebend an. Das ist kein Versagen, sondern eine formatbedingte Realität.
Wer sollte reinhören — und wer nicht
Empfehlenswert für Fans von Stadtmensch-Humor, wer Slam Poetry mag, wer sich in der Schnittmenge zwischen Achtsamkeitswahn und ehrlichem Selbstzweifel wiedererkennt, und wer kein Problem damit hat, dass ein Buch keine Geschichte erzählt. Weniger geeignet für Hörer, die Struktur und narrative Spannung brauchen, oder die nach einem Abend mit einem Werk abschliessen wollen.