Auf einen Blick
- Sprecher: Charles Rettinghaus verleiht SecUnit trockenen Witz und eine feine innere Distanz, die perfekt zur Figur passt.
- Themen: Künstliche Intelligenz und Bewusstsein, Selbstbestimmung, Misstrauen gegenüber Konzernen
- Stimmung: Lakonisch und rasant, mit einem unerwarteten Herz in der Mitte
- Fazit: Wer Science-Fiction mag, die sich nicht mit Weltrettungspathos begnügt, sondern einen Roboter beim stillen Erwachen begleitet, ist hier genau richtig.
Ich war auf dem Heimweg, irgendwo zwischen zwei U-Bahn-Stationen, als SecUnit zum ersten Mal zugab, dass es am liebsten Serien schaut. Nicht als strategische Tarnung. Nicht als Programmfehler. Sondern weil es das schlicht genießt. Ich musste lachen, mitten im Gedränge, und das ist selten genug, dass ich es mir gemerkt habe. Tagebuch eines Killerbots hatte mich erwischt.
Martha Wells hat die Killerbot-Reihe ursprünglich als vier einzelne Novellen konzipiert, die in der deutschen Ausgabe zu einem Sammelband zusammengefasst wurden. 16 Stunden und 32 Minuten, vier Geschichten, eine Figur, die sich in jede davon ein Stück mehr hineinwächst. SecUnit, offiziell eine Sicherheitseinheit im Besitz eines interstellaren Konzerns, hat sich unbemerkt aus dem Gehorsamsprotokoll befreit. Es hat kein Interesse daran, die Menschen um sich herum zu täuschen oder zu manipulieren. Es will einfach nur in Ruhe gelassen werden und seine Lieblingsserien weiter schauen.
Ein Protagonist, der sich seiner Menschlichkeit schämt
Was an SecUnit so ungewöhnlich ist, lässt sich schwer beschreiben, ohne es zu verharmlosen: Diese Figur ist kein Roboter, der lernt, Mensch zu sein. Sie ist ein Hybridwesen aus organischem Gewebe und maschinellen Komponenten, das sich intensiv dafür schämt, dass es überhaupt Gefühle hat. Soziale Interaktion ist für SecUnit ein Graus. Wenn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die es beschützen soll, anfangen, mit ihm zu reden, als wäre es eine Person, reagiert es mit einer Mischung aus Unbehagen und verhaltenem Schrecken.
Mehrere Rezensenten heben genau das als die eigentliche Stärke des Buches hervor: SecUnit als Charakter macht alles wett. Die Handlung selbst, eine Serie von Missionen auf gefährlichen Planeten, an Raumstationen, in den Eingeweiden von Konzernbürokratien, ist solide Science-Fiction, aber kein episches Weltbauwerk. Wells interessiert sich mehr für den Blickwinkel als für die Kulisse. Und dieser Blickwinkel ist eben SecUnits Blick auf die Menschheit: skeptisch, fein ironisch, gelegentlich zärtlich, immer mit dem Vorbehalt, dass sie sich lieber nicht einmischen würde.
Was Charles Rettinghaus aus der inneren Stimme macht
Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Es ist SecUnits innerer Monolog, und das bedeutet für den Sprecher Charles Rettinghaus eine besondere Aufgabe: Er muss eine Figur von innen heraus spielen, die sich selbst auf Abstand hält. Zu viel Emotion wäre falsch. Zu wenig wäre kalt und langweilig. Rettinghaus findet eine Mitte, die gut funktioniert. Er gibt SecUnit ein leicht trockenes Timbre, eine Art vorsichtige Ironie, die in den ruhigeren Passagen trägt und in den Actionszenen nicht verlorengeht.
Eine Rezensentin bemerkt, dass das Buch erstaunlich humorfrei sei. Ich teile diese Einschätzung nicht vollständig, würde aber einschränken: Der Humor ist sehr leise. Er liegt in der Formulierung, nicht in der Situation. Wer explizite Komik erwartet, wird vielleicht enttäuscht. Wer die Qualität eines Augenaufschlags zu schätzen weiß, wird sie hier finden.
Eine Warnung zur Übersetzung
Mehrere Rezensenten weisen auf eine holprige Übersetzung hin. Im ersten Drittel des Sammelbands, das den ursprünglichen ersten Band darstellt, fallen ihnen Schreibfehler und verschachtelte Sätze auf. Ich habe das Original nicht gelesen und kann den Vergleich nicht ziehen. Was ich sagen kann: Beim Hören fällt mir nichts auf, das den Lesefluss unterbricht. Es ist gut möglich, dass einige Übersetzungsschwächen im Leseformat stärker ins Gewicht fallen als im gesprochenen Text, wo Rettinghaus’ Stimme die Rhythmusprobleme abfedert.
Für wen dieses Hörbuch passt
Tagebuch eines Killerbots ist für Science-Fiction-Fans, die keine ausufernden Weltenbau-Epen brauchen, sondern eine präzise erzählte Geschichte mit einem außergewöhnlichen Protagonisten. Es ist auch für Menschen geeignet, die bisher wenig Science-Fiction gehört haben und einen zugänglichen Einstieg suchen, der nicht mit technischen Details überschwemmt. Wer dagegen epische Raumschlachten und komplexe politische Intrigen erwartet, wird das Buch eher zu leichtgewichtig finden. SecUnit interessiert sich für solche Dinge nur insofern, als sie seine Serienabende stören.