Auf einen Blick
- Sprecher: Johannes Steck gibt dem Ensemble aus maechtigen Frauen und zynischen Adeligen eine klare, praezise Stimme, ohne in melodramatische Betonung zu verfallen.
- Themen: Imperiale Abhaengigkeiten, Machterhalt gegen den Verfall, Science-Fiction als Gesellschaftskritik
- Stimmung: Temporeich, politisch aufgeladen, mit satirischem Unterton
- Fazit: Ein unterhaltsamer Auftakt, der Scalzis Staerken ausspielt, aber wer epische Weltenbautiefe sucht, muss sich bis zum naechsten Band gedulden.
Es war ein Dienstagabend, ich war muede von einem langen Tag und wollte nichts, das Konzentration verlangt. Ich waehlte « Kollaps » halb zufaellig, weil mir die Kuerze des Titels gefiel und ich Scalzi noch nicht kannte. Zehn Stunden und achtundzwanzig Minuten spaeter hatte ich das erste Buch der Reihe durch und ein leichtes Zeichnen im Hals vom Still-dasitzen.
John Scalzi gehoert zu jenen Science-Fiction-Autoren, die die Konventionen des Genres gut genug kennen, um mit ihnen zu spielen. « Kollaps » ist der Auftaktband der Reihe « Das Imperium der Stroeme » und stellt eine Zivilisation vor, die sich durch dimensionale Strassennetze, sogenannte Stroeme, ueber die Galaxis ausgedehnt hat. Diese Stroeme versagen jetzt. Das Imperium steht vor dem Zusammenbruch, und drei sehr verschiedene Menschen sind die einzigen, die das vielleicht verhindern koennen.
Gesellschaft als Mechanismus, Zerfall als Antrieb
Was Scalzi gut macht: Das Weltenbau bleibt nicht bei Raumkampfdetails haengen, sondern interessiert sich fuer Machtstrukturen. Das Imperium der Stroeme ist eine rigide Kastengesellschaft, in der wirtschaftliche Monopole, Adelshaueser und eine eigentueliche Religion ineinandergreifen. Der drohende Kollaps ist nicht nur eine technische Katastrophe, sondern eine systemische. Wer von den Stroemen abhaengt, verliert bei deren Versagen seine Grundlage. Das Parallele zur realen Welt, Lieferketten, Energienetze, Abhaengigkeiten, ist deutlich genug, um wahrgenommen zu werden, ohne dass Scalzi es unterstreicht.
Ein Rezensent verglich das mit Alastair Reynolds, was ich nachvollziehen kann, aber Scalzi ist loeser, schneller, staerker auf Dialog und Szene gesetzt. Die Exposition ist grosszuegig, manches wird erklaert, bevor es gebraucht wird. Wer eher Williams liest, wird hier etwas unbefriedigt bleiben, was Tiefe angeht. Wer eher Unterhaltung mit politischem Gehalt sucht, bekommt genau das.
Drei Figuren, ein strukturelles Problem
Die Imperatrix Cardenia, der junge Wissenschaftler Marce und die Adelige Kiva Lagos bilden das Herzenstueck der Handlung. Kiva ist die interessanteste Figur, unverbluemet, strategisch, ohne moralischen Filter, und Scalzi schreibt ihre Szenen mit einer Energie, die deutlich macht, dass auch er sie am liebsten schreibt. Cardenia ist solider, Marce funktioniert eher als Exposition-Traeger. Das ist kein Makel, aber man merkt, welche Figur das Buch erst in den folgenden Baenden entfalten wird.
Fuer einen Serienauftakt ist « Kollaps » gut gebaut. Vieles wird eingefuehrt, und wie ein Rezensent korrekt bemerkte, kommt die eigentliche Handlung manchmal etwas kurz. Aber das ist ein bekanntes erstes-Buch-Problem, und Scalzi loest es besser als viele, indem er den Humor nicht zu kurz kommen laesst.
Johannes Steck im Ensemble-Modus
Johannes Steck ist ein erfahrener Sprecher, und das hoert man. Er navigiert zwischen Cardenias zurueckhaltendem Ernst und Kivas scharfer Direktheit, ohne die Figuren zu verwischen. Sein Tempo ist gut, die Szenenanfaenge werden klar gesetzt. Bei den laengeren Weltenbau-Passagen haelt er das Interesse aufrecht, ohne das Material zu verfremden. Fuer zehn Stunden Science-Fiction-Politik ist das kein selbstverstaendliches Ergebnis.
Fuer wen, fuer wen nicht
Wer Hard SF oder militaerische Science-Fiction erwartet, ist hier falsch. Das Buch ist politisch, nicht technisch. Wer dagegen Freude an Gesellschaftskritik in Weltraumgewaendern hat und ein Ensemble bevorzugt, das aus Frauen in Machtpositionen besteht, wird genuegend finden. Als Serienauftakt ist es ein gutes Versprechen. Ob das Versprechen eingeloest wird, haengt vom zweiten Band ab.
Häufig gestellte Fragen
Kann man « Kollaps » ohne Vorkenntnisse der Reihe lesen?
Ja, es ist der erste Band und einfuehrender Auftakt. Man braucht keine Vorerfahrung mit Scalzi oder der Reihe.
Wie stark ist der Humor in diesem Hoerbuch?
Praegendes Element. Scalzis Stil ist pointiert und selbstbewusst, besonders in Kiva Lagos’ Szenen. Wer ernste Space Opera erwartet, sollte das wissen.
Ist das Ende des ersten Bandes befriedigend oder endet er auf einem Cliffhanger?
Das Ende schliesst einen Handlungsbogen, setzt aber klare Weichen fuer den Folgeband. Nicht unbefriedigend, aber es ist erkennbar ein Serienauftakt.
Wie aufwendig ist das Weltenbau in « Kollaps » verglichen mit klassischer Space Opera?
Ueberschaubar und zugaenglich. Scalzi erklaert sein System klar, verzichtet aber auf die Tiefe etwa eines Asimov oder Herbert. Der Schwerpunkt liegt auf Figuren und politischer Mechanik.