Auf einen Blick
- Sprecher: Jim Lacher bewältigt das hohe Tempo und die vielen Systembeschreibungen des LitRPG-Genres souverän und bleibt auch in den Kampfszenen klar und präzise.
- Themen: Progression und Machtzuwachs, Überlebenswille in einer gamifizierten Apokalypse, erste Ansätze von Charakterentwicklung jenseits des Tutorials
- Stimmung: Flott, systemlastig und nach vorne drängend, mit dunklen Einschüben aus William-Perspektive
- Fazit: Wer Band 1 mochte, kommt an Band 2 nicht vorbei. Wer Band 1 nicht kennt, sollte dort anfangen.
Ich war einen Freitagnachmittag lang mit Jake Thayne beschäftigt. Das klingt nach einer langen Zeit für ein Hörbuch, ist es für Primal Hunter 2 aber kaum: 24 Stunden und 2 Minuten Spielzeit sind eine Ansage, und Zogarth nutzt sie vollständig aus. Ich bin LitRPG gegenüber nicht voreingenommen, aber auch nicht automatisch begeistert. Was mich bei Band 2 dieser Reihe überraschte, war, wie viel Struktur das Genre mitbringt, wenn ein Autor es wirklich beherrscht.
Zunächst das Wichtigste: Primal Hunter 2 ist Band 2 einer laufenden Serie. Man kann nicht mittendrin einsteigen. Wer Jake noch nicht kennt, seinen Hintergrund als gelangweilter Büroangestellter, seine Sonderstellung durch seinen Mentor, die Grundmechaniken des System-Tutorials, der wird in dieser Aufnahme verloren sein. Band 1 zuerst. Das ist keine Empfehlung, das ist eine Notwendigkeit.
Was das Tutorial-Ende für die Serie bedeutet
Band 2 schließt das Tutorial ab, in dem die gesamte erste Hälfte der Reihe angesiedelt war. Das ist strukturell ein wichtiger Moment: Die Welt öffnet sich, die Erde kehrt ins Spiel zurück, und Jake muss sich von seiner Isolation in der Tutorial-Region auf eine breitere Realität einstellen. Diese Verschiebung spürt man auch im Tonfall der Erzählung.
Zogarth führt in diesem Band mehr Perspektiven ein, darunter William, den Metallmagier, dessen Überlebensstrategie das komplette Gegenteil von Jakes unkomplizierter Jagd-Philosophie ist. William ist eine dunkle Figur, und seine Abschnitte geben der Geschichte etwas, das die reine Tutorial-Progression alleine nicht hat: einen moralischen Widerpart. Ein Rezensent schrieb, das Buch werde « langsam besser, vor allem interessant im letzten Drittel ». Das ist ehrlich formuliert und entspricht meiner eigenen Wahrnehmung.
Jim Lacher und die Herausforderung des Genres
LitRPG stellt besondere Anforderungen an Hörbuchsprecher. Es gibt viele Systemnachrichten, Statusfenster, Skill-Beschreibungen, Werte und Levelangaben, die vorgelesen werden wollen. Ein schlechter Sprecher würde das klingt wie ein Formular. Lacher nicht. Er findet für diese Passagen einen leicht anderen Tonfall, der sie als Teil der Spielwelt markiert, ohne sie vom Rest der Erzählung abzukoppeln.
In den Kampfszenen, die in diesem Band zahlreich und intensiv sind, bleibt Lacher klar und tempogerecht. Er steigert nicht künstlich, aber er schläft auch nicht. Das ist genau die Balance, die dieses Genre braucht: present genug, um Spannung zu erzeugen, nüchtern genug, um bei den vielen aufeinanderfolgenden Kämpfen nicht Überdruss zu produzieren.
Stärken und Grenzen der Serie
Wer mit LitRPG vertraut ist, weiß, was die Schwachstellen des Genres sind: Wiederholungen in der Progression, Figuren, die als Funktion auftreten und nicht als Menschen, und das gelegentliche Gefühl, dass der Plot einem Gamingloop folgt statt einer erzählerischen Logik. Band 2 ist dagegen nicht immun. Die Anmerkung, das Buch habe « leider sehr langatmige und teils bekannte Versatzstücke anderer Serien », ist berechtigt.
Was Primal Hunter aber davon unterscheidet, ist Zogarths Gespür für Rhythmus und gelegentlichen Humor. Die Running Gag um Jakes immer wieder zerfetzte Hemden ist albern und funktioniert trotzdem. Solche Momente zeigen, dass der Autor die Mechaniken des Genres bewusst einsetzt und nicht blind reproduziert.
24 Stunden sind eine Investition. Für Serienleserinnen und -leser, die Jake von Band 1 kennen und wissen wollen, wie es weitergeht, ist Band 2 die logische Fortsetzung. Für alle anderen gilt: Erst Band 1, dann entscheiden.