Auf einen Blick
- Narration: Günter Merlau hält die düstere Grundspannung des Londoner Geisterwelt-Settings gut aufrecht, verleiht Camrens innerlicher Unruhe aber manchmal mehr Gleichförmigkeit als Tiefe.
- Themes: Verlorene Identität, gesellschaftliche Ausgrenzung, paranormale Klasse als Sozialmetapher
- Mood: Düster und atmosphärisch, mit gelegentlichen Aufhellungen durch jugendlichen Witz
- Verdict: Ein ambitionierter Debüt-Serienauftakt mit ungewöhnlicher Weltbuilding-Idee — für Fans düsterer Urban Fantasy mit YA-Anleihen lohnt der Einstieg.
Ich laufe regelmäßig durch Londoner Viertel, die eine gewisse Schwere in sich tragen — Straßen, die aussehen, als hätten sie mehr gesehen, als sie erzählen. Als ich Unheilige Zeiten von Nadine Erdmann auflegte, passte das Szenario seltsam gut dazu, obwohl der Roman explizit im London der Gegenwart spielt: eine Welt, in der Geister nicht die Ausnahme sind, sondern das alltägliche Problem. Jeder sieht sie. Jeder weiß, wie gefährlich sie werden können. Und die Menschen, die sie bändigen können — die Totenbändiger — sind deswegen nicht beliebt, sondern gefürchtet.
Dieser Ausgangspunkt hat mich sofort interessiert. Erdmann, die mit diesem ersten Band der Totenbändiger-Reihe beim Kleinverlag Greenlight Press debütiert, nutzt eine phantastische Prämisse, um etwas Älteres und Realeres zu erzählen: wie Gesellschaften Menschen mit sichtbar anderen Fähigkeiten behandeln.
Wenn das Totenbändiger-Mal zur Zielscheibe wird
Das Sozialmetaphern-Gerüst ist offensichtlich, aber es funktioniert. Die Totenbändiger tragen ihr Merkmal buchstäblich im Gesicht — dunkle Venen an der Schläfe, das sogenannte Totenbändiger-Mal. Sie können Geister auslöschen, aber auch Lebenden schaden. Diese Doppelheit macht sie zur verachteten Minderheit, obwohl sie als einzige in der Lage wären, die Stadt zu schützen. Rezensent Steven Bork hebt das explizit hervor: die Verknüpfung des Erwachsenwerdens mit der alltäglichen Dummheit der Intoleranz sei sehr gut gelungen.
Camren Hunt, der Protagonist, ist eine interessante Wahl: ein junger Mann ohne Erinnerungen an seine Vergangenheit, der als Kind in einem Keller voller Leichen gefunden wurde. Dreizehn Jahre später tauchen ähnliche Morde wieder auf. Das ist eine solide Genre-Konstruktion — der Amnestische als erzählerischer Spiegel für den Aufbau einer Welt, die sich die Hörerin Stück für Stück erschließt.
Was die kurze Spielzeit leistet und nicht leistet
Mit knapp fünf Stunden ist Unheilige Zeiten ausgesprochen kurz für einen Serienauftakt in der Urban Fantasy. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bleibt die Geschichte straff und verliert sich nicht in endlosen Exposition-Passagen — was Erdmann aufbaut, baut sie zügig auf. Andererseits bleibt manches zwangsläufig an der Oberfläche. Rezensent Mr. Magnus fasst es ehrlich zusammen: Nicht schlecht, aber so richtig gepackt habe es ihn nicht. Der Autor habe versucht, zu viele Ansätze in das Buch zu packen — und keiner komme dadurch wirklich zur vollen Entfaltung.
Ich teile diesen Eindruck teilweise. Erdmann hat eine genuine Idee: Geister als gesellschaftliches Alltagsproblem, Totenbändiger als diskriminierte Minderheit, ein Protagonist mit Amnesie als Erzählmotor. Das reicht für einen guten Debütroman. Aber die emotionale Bindung an Camren bleibt dünn, weil die Kürze des Werkes nicht genug Raum lässt, ihn als Person wirklich kennenzulernen — jenseits seiner Funktion als Rätsel.
Günter Merlau und die Tonlage des Übernatürlichen
Günter Merlau ist ein erfahrener Sprecher, und das merkt man. Er hält die düstere Grundatmosphäre des Londoner Settings konstant und gibt Camrens innerer Zerrissenheit eine ruhige, kontrollierte Qualität. Was stellenweise fehlt, ist ein stärkerer Rhythmuswechsel — bei einer Geschichte, die zwischen Bedrohung, jugendlichem Alltag und übernatürlichem Grauen wechselt, könnte mehr Kontrast nicht schaden. Die kurze Laufzeit macht das schwerer, weil Merlau keine langen Aufbaumomente hat, aus denen er Spannung entladen kann.
Trotzdem: Für einen Kleinverlag-Debüt ist die Produktion ordentlich, und Merlau verleiht dem Material mehr Ernsthaftigkeit, als ein kürzeres Hörbuch manchmal bekommt.
Wer einsteigen sollte — und wen es nicht ganz packen wird
Empfehlung für: Hörerinnen, die Urban Fantasy mit klarer gesellschaftlicher Substanz mögen und bereit sind, einer neuen Reihe eine Chance zu geben; wer Systeme aus Magie-als-Sozialsystem-Konzepten schätzt, findet hier eine kompaktere, düsterere Variante. Weniger geeignet für: wer intensive emotionale Charakterentwicklung in einem einzigen Band erwartet; mit fünf Stunden bleibt das Werk Fragment — wenn auch ein vielversprechendes.
Häufig gestellte Fragen
Ist Unheilige Zeiten als eigenständige Geschichte abgeschlossen oder endet es offen?
Der erste Band der Totenbändiger-Reihe führt den Kernkonflikt ein und löst einige Fragen, lässt aber bewusst Raum für Fortsetzungen offen. Als Serienauftakt funktioniert er, als Standalone-Erlebnis weniger.
Muss man als Hörerin Urban Fantasy mögen, oder funktioniert das Buch auch als Thriller?
Die Grundstruktur hat Krimielemente — Morde, ein Protagonist auf Spurensuche — aber das phantastische Weltbild steht klar im Vordergrund. Wer mit Geistern und paranormalen Kräften als Selbstverständlichkeit nichts anfangen kann, wird sich schwer tun.
Wie gut eignet sich Günter Merlau für einen jugendlich-düsteren Protagonisten wie Camren?
Merlau bringt professionelle Konstanz in die Darbietung und hält die Bedrohungsatmosphäre aufrecht. Für Camrens jugendliche Seite könnte die Stimmfärbung etwas weniger kontrolliert-erwachsen sein, was einige Hörerinnen als Distanz erleben könnten.
Ist das Buch für Leserinnen unter 18 Jahren geeignet?
Das Buch trägt keine explizite Alterskennzeichnung im Sinne einer 18+-Warnung, thematisiert aber Gewalt, Diskriminierung und übernatürliche Bedrohungen in einer düsteren Tonlage. Die Reihe ist eher für ein junges erwachsenes Publikum konzipiert.