Auf einen Blick
- Sprecher: Reinhard Kuhnert verleiht Haviland Tuf genau die pedantische Würde, die diese Figur braucht — gemessen, leicht ironisch, mit einer Spur Distanz, die perfekt zum Charakter passt.
- Themen: Macht und Verantwortung, ökologische Ethik, Einsamkeit des Intellekts
- Stimmung: Nachdenklich und leicht satirisch, mit dunklen Tönen unter der polierten Oberfläche
- Fazit: Wer George R.R. Martins weniger bekannte SF-Seite kennenlernen will, findet in Planetenwanderer ein faszinierendes, manchmal unbequemes Werk.
Haviland Tuf ist nicht der Held, den man erwartet. Er ist nicht sympathisch im klassischen Sinne, nicht warmherzig, nicht impulsiv. Er ist präzise, höflich bis zur Künstlichkeit und von einer moralischen Selbstgewissheit durchdrungen, die das Lesen manchmal zur Probe macht. Ich habe « Planetenwanderer » an mehreren Abenden gehört, und es hat mich nicht losgelassen — aber nicht wegen des bequemen Lesevergnügens, sondern wegen der unbehaglichen Fragen, die George R.R. Martin in jede Episode einbaut.
Das Buch ist eigentlich eine Sammlung von Kurzgeschichten, zwischen 1976 und 1985 in verschiedenen Science-Fiction-Magazinen erschienen und später zum Roman zusammengefasst. Das merkt man dem Aufbau an: Jede Geschichte ist in sich abgeschlossen, jede stellt Tuf vor ein neues planetarisches Problem, das er mit seinem Saatschiff — einem gigantischen Biowaffen- und Terraforming-Werkzeug aus vergangenen Kriegen — zu lösen versucht. Das ergibt episodisches Hören, das auf lange Strecken auch ermüden kann, aber auf kurzen Etappen hochbefriedigend ist.
Haviland Tuf: Heiland oder kalter Manipulator?
Die eigentliche Stärke des Buches liegt in Tuf selbst. Martin schreibt ihn als Figur, die man nicht festhalten kann. Er rettet Welten — aber auf seine eigene Art, zu seinen eigenen Bedingungen, ohne emotionale Bindung an die Menschen, die er angeblich hilft. Eine Rezensentin beschrieb ihn als « Mensch ohne Empathie, der nur sich selbst bejammert, dass er sich immer ungerecht behandelt fühlt » — und ich finde diese Lesart ebenso zulässig wie die positivere Deutung. Martin lässt das bewusst offen. Ist Tuf ein Retter? Ein Psychopath mit Biotechnologie? Oder beides?
Gerade diese Ambiguität macht « Planetenwanderer » für mich lesenswerter als viele geradlinigere SF-Abenteuer. Wer nach der Wärme von Game of Thrones sucht, wird sie hier kaum finden — aber wer Martins Fähigkeit kennt, moralische Graubereiche zu bewohnen, wird sich in dieser Welt zurechtfinden.
Reinhard Kuhnert und die Kunst der Distanz
Reinhard Kuhnert ist eine der zuverlässigsten deutschen Hörbuchstimmen für literarisch anspruchsvolles Material, und seine Interpretation von Haviland Tuf ist eine der besten Leistungen, die ich von ihm gehört habe. Er spielt Tuf nicht überdreht — keine Karikatur, kein aufgesetztes Schrullentum. Stattdessen gibt er der Figur eine höfliche Steifigkeit, die sich erst mit der Zeit als das entpuppt, was sie ist: die vollständige Abwesenheit spontaner Zuneigung. Das ist schwieriger zu spielen als Emotion, und Kuhnert macht es mit einer Selbstverständlichkeit, die den Charakter glaubwürdig hält.
Über 16 Stunden und 47 Minuten hält er dieses Niveau. Bei den kurzen Episoden ist das keine Herausforderung, aber wenn eine Geschichte sich über längere Passagen mit planetarischer Politik oder biologischer Technologie beschäftigt, trägt Kuhnerts Rhythmus den Text sicher durch.
Wenn Martins Stärken und Schwächen zusammenkommen
Nicht alle Episoden sind gleich stark. Die frühen Geschichten — insbesondere der erste Teil, in dem Tuf das Saatschiff erwirbt — sind lebhafter und dramatischer als spätere Kapitel, in denen der Held bereits etabliert ist und die Spannung aus moralischen Dilemmas bezogen wird statt aus Abenteuer. Martin ist ein Autor, der mit Widerspruch arbeitet, und in « Planetenwanderer » ist der größte Widerspruch dieser: Ein Buch über das Retten von Welten, das sich letztlich für die geretteten Welten kaum interessiert.
Das ist keine Schwäche, wenn man weiß, worauf man sich einlässt. Es ist eine Stärke, wenn man SF schätzt, die Unbehagen als Werkzeug einsetzt. Wer hingegen mitreißende Abenteuer oder Figuren sucht, mit denen man mitfiebern kann, wird an Tuf scheitern.
Für wen, für wen nicht
« Planetenwanderer » empfehle ich Hörern, die George R.R. Martin jenseits von Westeros entdecken wollen, und allen, die SF als Literatur schätzen — als Medium für unbequeme ethische Überlegungen, nicht nur als Vehikel für Weltraumabenteuer. Wer Haviland Tuf sympathisch finden muss, um ein Buch zu genießen, sollte sich etwas anderes suchen. Für den Rest: 16 Stunden gut investiert.