Auf einen Blick
- Sprecher: Jürgen von der Lippe liest seinen eigenen Roman selbst — das Ergebnis ist eine Performance, die dem Buch mehr gibt als jeder fremde Sprecher könnte, auch wenn die Begeisterung nicht alle mitreißt.
- Themen: Sanftmütige Außenseiter und ihre kleinen Macken, Humor als Weltanschauung, das Verhältnis von Mann und Hund
- Stimmung: Launig und assoziativ, manchmal mehr Glosse als Roman
- Fazit: Wer von der Lippes speziellen Humor kennt und liebt, wird hier gut unterhalten — wer ihn nicht kennt, sollte zuerst eine Kostprobe hören.
Ich habe dieses Hörbuch an einem langen Zugfahrttag angefangen, irgendwo zwischen Hannover und Hamburg, mit dem vagen Vorgefühl, dass Jürgen von der Lippe und Romane eine interessante Kombination sein könnten. Sechs Stunden und siebzehn Minuten später hatte ich eine ziemlich genaue Antwort: Es ist tatsächlich interessant, aber nicht unbedingt für alle auf die gleiche Art.
Zunächst ein kurzes Wort zur Transparenz: In den Metadaten dieses Hörbuchs ist einiges durcheinandergeraten — der eigentliche Autor und Sprecher, Jürgen von der Lippe, taucht dort nicht korrekt zugeordnet auf. Das Hörbuch ist sein Roman, von ihm selbst gelesen, was die Synopsis auch ausdrücklich bestätigt: « Von ihm selbst gelesen. » Ich finde das wichtig zu erwähnen, weil es auch erklärt, warum die Entscheidung, den Roman als Hörbuch zu veröffentlichen, so viel Sinn macht.
Ein Autor, der weiß, wie seine Sätze klingen sollen
Von der Lippe ist seit Jahrzehnten eine der präzisesten Stimmen im deutschen Sprachraum — nicht im Sinne von Hochglanz-Hochdeutsch, sondern im Sinne von Timing und Rhythmus. Er weiß, wo eine Pause sitzt. Er weiß, welches Wort Betonung braucht und welches leiser werden soll. Das merkt man, wenn er seinen eigenen Text liest: Die Sätze fallen so, wie er sie gedacht hat, und man hört, dass er beim Schreiben schon die Sprechmelodie im Kopf hatte.
Der Roman selbst kreist um Gregor und seinen Hund Waldmeister — « Menschen wie Gregor », schreibt von der Lippe in seiner eigenen Präambel, « mit ihren kleinen liebenswerten Macken ». Das ist das Kernversprechen des Buches, und es hält es. Gregor ist kein Held, kein Antiheld, kein Typ mit großem Schicksal. Er ist jemand, den man vielleicht kennt, vielleicht sogar aus dem Spiegel. Und die Geschichte, die von der Lippe um ihn herum baut, hat tatsächlich mehr Schichten als der Titel vermuten lässt.
Der Vorbehalt, den man kennen sollte
Die Rezensionen dieses Buches zeigen ein Muster, das ich für ehrlich halte. Ein Leser schreibt, er habe das Buch nach einem Drittel weggelegt — zu wenig Substanz, zu viel Selbstgefälligkeit. Ein anderer schreibt, er habe es geliebt. Diese Spaltung ist charakteristisch für Von-der-Lippe-Prosa, und sie lässt sich nicht wegdiskutieren.
Wer von der Lippes Glossen kennt — seine Essays, seine Kolumnen, seine Bühnenarbeit — wird den Ton sofort wiedererkennen. Das Buch hat etwas Essayistisches, eine Neigung zum Abschweifen, ein Interesse an sprachlichen Beobachtungen um ihrer selbst willen. Das kann man als Qualität lesen oder als Schwäche. Ich lese es als Eigenart, die zum Autor gehört, und daher nicht falsch ist — aber man sollte sie kennen, bevor man investiert.
Ein Rezensent findet auch: « Von der Lippes Glossen sind besser! » Das mag stimmen. Aber der Roman ist kein gescheiterter Versuch ins andere Genre, er ist ein selbstbewusstes Bekenntnis zu einer bestimmten Art von Literatur — jener, die sich mehr für die Psyche der Sanftmütigen interessiert als für die waltenden rohen Kräfte. Das hat von der Lippe selbst in seiner Prolog-Reflexion über Schreibratschläge seiner Frau schön auf den Punkt gebracht.
Als Hörbuch: eine klare Empfehlung für die richtige Zielgruppe
Was das Hörbuchformat diesem Stoff gibt, ist erheblich. Viele der Qualitäten des Textes — das Timing, die Ironie, die kleinen Spitzen gegen den Zeitgeist — funktionieren gesprochen besser als gedruckt. Von der Lippe liest mit einer Freude am Material, die man hört. Er tritt nicht hinter den Text zurück, er tritt in ihn hinein, und das ist hier genau richtig.
Wer nicht weiß, ob dieser Humor etwas für einen ist, sollte eine Hörprobe nutzen. Die ersten fünfzehn Minuten sind repräsentativ für das Ganze. Wenn man da lächelt, wird man sechs Stunden gut unterhalten. Wenn man da die Augen verdreht, sollte man lieber zu einem anderen Hörbuch greifen.