Auf einen Blick
- Sprecher: Uve Teschner meistert die vielen Zeitebenen und Tonwechsel des Romans mit Präzision und Ausdauer über fast 24 Stunden.
- Themen: Familiengeheimnisse, politische Zerrissenheit Amerikas, Schuld und Erlösung
- Stimmung: Episch und vielschichtig, mit satirischen Einschüben und emotionalen Tiefen
- Fazit: Ein ambitionierter amerikanischer Gesellschaftsroman, der Zeit und Geduld verlangt und sie mit einer Geschichte belohnt, die von 1968 bis Occupy Wall Street reicht.
Ich erinnere mich noch gut an den Abend, an dem ich mit Geister angefangen habe. Es war einer dieser langen Winterabende, an denen ich bewusst nach einem Hörbuch gesucht hatte, das mich für mehrere Wochen beschäftigen würde. Fast 24 Stunden Spieldauer, ein Roman, der ursprünglich auf Englisch über 600 Seiten umfasst, gesprochen von Uve Teschner. Das klang nach genau der Art von Projekt, die ich an langen Abenden brauche.
Der Roman stammt von Nathan Hill, dessen Debüt The Nix 2016 in den USA als literarisches Ereignis gefeiert wurde. In der deutschen Übersetzung trägt er den Titel Geister. Dass die Metadaten auf Audible vertauscht sind und Uve Teschner fälschlicherweise als Autor geführt wird, tut dem Hörerlebnis keinen Abbruch, ist aber der Vollständigkeit halber erwähnt: Das Buch ist von Nathan Hill, gesprochen wird es von Uve Teschner.
Zwischen Chicago 1968 und Occupy Wall Street
Die Geschichte beginnt mit einem Paukenschlag: Literaturprofessor Samuel Anderson erfährt, dass er für seine Mutter bürgen soll, die einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten tätlich angegriffen hat. Eine Frau, die ihn als Kind verlassen hat. Eine Frau, die er seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen hat. Was Nathan Hill aus diesem Ausgangspunkt entwickelt, ist ein Roman, der sich über Jahrzehnte erstreckt und verschiedene Erzählstränge miteinander verwebt: Samuels gegenwärtige Suche nach der Wahrheit über seine Mutter, ihre Geschichte als Studentin in den Chicagoer Aufständen von 1968, Samuels eigene gescheiterte Jugend als Online-Spieler und eine Reihe von Nebenfiguren, die mal komisch, mal tragisch, immer aber scharf gezeichnet sind.
Der Roman ist, wie eine Rezension treffend beschreibt, ein dickes Buch um eine kleine Welt. Damit ist nicht ein Vorwurf gemeint, sondern eine Beobachtung: Hill zoomt tief in einzelne Leben hinein, arbeitet die Psychologie seiner Figuren mit großer Sorgfalt aus, und weitet sich dabei immer wieder auf das große gesellschaftliche Panorama. Das gelingt nicht immer gleichmäßig. Es gibt Passagen, in denen der Roman in Details verweilt, die man als Hörer gerne überspringen würde. Aber es gibt auch Stellen, an denen Hill alles trifft.
Was Uve Teschner aus diesem Mammutprojekt macht
Teschner trägt das Werk über fast 24 Stunden, und das ist keine Kleinigkeit. Er wechselt zwischen Samuels sachlicher Erzählstimme der Gegenwart, den emotionaleren Rückblenden auf Faye, Samuels Mutter als junge Frau, und den satirisch zugespitzten Kapiteln über Videospielsucht und Online-Leben. Diese Tonwechsel meistert er mit Konsequenz. Teschner neigt, wie ich ihn aus anderen Produktionen kenne, zu einem eher kontrollierten Stil. Hier dient das dem Material: Der Roman hat selbst eine gewisse Distanz zu seinen Figuren, einen analytischen Blick, der durch Teschners Vortragsweise unterstrichen wird.
Ein Rezensent, der sowohl die deutsche als auch die englische Fassung kannte, hob die Hörbuchversion ausdrücklich als gelungen hervor. Das deckt sich mit meinem Eindruck. Teschner macht aus dem Text kein Schauspiel, aber er liest auch nicht nur ab. Er führt.
Ein Roman, der Amerika beim Zerbrechen zusieht
Was Geister von vielen deutschen Familienromanen unterscheidet, ist sein politischer Horizont. Hill interessiert sich nicht nur für die Dynamik einer Kleinfamilie, sondern für das Amerika, das um diese Familie herum entsteht und verrottet. Die Chicagoer Aufstände von 1968 sind dabei kein historisches Hintergrundrauschen, sondern der Moment, in dem sich Fayes Leben grundlegend verändert. Occupy Wall Street ist der Moment, in dem Samuels Gegenwart plötzlich wieder Sinn bekommt. Hill verbindet die persönliche Erlösungssuche mit einem Gesellschaftskommentar, der für europäische Leserinnen und Leser etwas Fremdes behält, aber nie unverständlich wirkt.
Ich finde es bemerkenswert, dass dieses Hörbuch als Audible-Exklusiv erschienen ist. 23 Stunden und 48 Minuten, ein literarisch anspruchsvoller Roman, der die Geduld seines Publikums nicht schont. Das ist kein einfaches Konsumangebot. Es ist ein Statement darüber, welche Art von Literatur im Audioformat möglich ist, wenn man ihr Raum gibt.
Wer Zeit mitbringt, wird belohnt
Geister ist kein Hörbuch für zwischendurch. Es ist nichts für den Arbeitsweg in der U-Bahn oder für das Einschlafen. Es ist ein Abend- und Wochenendprojekt, das Konzentration verlangt und die Bereitschaft, sich auf eine epische Erzählstruktur einzulassen, die nicht immer direkt auf das Ziel zuläuft. Wer amerikanische Gesellschaftsromane mag, wer Jonathan Franzen oder Richard Russo schätzt, wer sich für das Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert: Für dieses Publikum ist Geister ein echter Fund. Wer schnelle Plots und überschaubare Laufzeiten bevorzugt, wird hier weniger glücklich.