Auf einen Blick
- Sprecher: Günter Merlau navigiert sicher zwischen historischem Boston und übernatürlicher Welt, mit einer Erzählstimme, die Spannung und Witz gleichzeitig trägt.
- Themen: Historische Urban Fantasy, Werwesen und verborgene Welten, eine Frau bricht Grenzen auf
- Stimmung: Atmosphärisch dicht und rasant, mit historischem Flair und echtem Staunen
- Fazit: Ein sehr gelungener Serienauftakt, der das Nebula-Universum in eine neue Epoche trägt und auch ohne Vorwissen funktioniert.
Boston im Winter, 1887. Eine Tatortfotografin des Polizeipräsidiums. Ein Mord, der kein normaler Mord sein kann. Ich habe die ersten Minuten von « Miss O’Shea und der Löwe von Boston » im Zug gehört, irgendwo zwischen zwei Stationen, und als die Bahn anhielt, habe ich nicht aufgehört zu hören. Günter Merlau hatte mich schon im zweiten Kapitel.
Dan Dreyer und Torsten Weitze haben gemeinsam etwas Bemerkenswertes hingelegt: einen Auftakt zu einer historischen Urban-Fantasy-Reihe, der sowohl als Einstieg in das Nebula-Universum als auch als eigenständige Geschichte funktioniert. Weitze ist der Schöpfer der Nebula-Convicto-Welt, Dreyer bringt eine eigene Handschrift mit, und die beiden ergänzen sich nach Aussage der Rezensenten sehr gut: gute Recherchen, detailreiche Beschreibungen, ohne den gewohnten Witz zu verlieren.
Caohime O’Shea und das Boston des Jahres 1887
Unsere Protagonistin ist Caohime, genannt Kiwa, eine irische Einwanderin, die als Tatortfotografin beim modernsten Polizeipräsidium der Ostküste arbeitet. Das ist schon für 1887 eine ungewöhnliche Position für eine Frau, und Dreyer nutzt diese Spannung. Kiwa ist kompetent, neugierig, hartnäckig, und sie hat keine Angst, in Bereiche vorzudringen, die nicht für sie vorgesehen sind. Die historische Einbettung ist offensichtlich sorgfältig recherchiert; Rezensenten loben die Detailverliebtheit explizit, und man spürt, dass Dreyer das Milieu des späten 19. Jahrhunderts ernstnimmt.
Der Fall beginnt mit einem grausig entstellten Opfer, mitten in der Stadt, als wäre es von einem Tier gerissen worden. Zwei merkwürdige Pinkerton-Agenten tauchen auf und übernehmen die Ermittlung. Kiwa lässt sich nicht verdrängen, und ihre Suche führt sie aus der Welt, die sie kennt, heraus und in die Nebula Convicto hinein.
Der Schritt hinter den Spiegel
Ohne zu viel zu verraten: Die Welt, die sich hinter dem Vorhang öffnet, ist das, wofür man Weitzes Nebula-Reihe liebt. Es gibt Werwesen, übernatürliche Machtverhältnisse, eine Organisation namens Rat, und Kiwa entpuppt sich als jemand, der mehr mitbringt, als sie selbst ahnte. Ein Rezensent schreibt, dass er nach dem Ende sofort wieder zum Anfang zurückgekehrt ist, weil eine Szene plötzlich einen neuen Sinn ergab. Das ist ein gutes Zeichen für sorgfältiges Handwerk.
Die Verbindung zur Haupt-Nebula-Reihe um Grayson Steel ist erkennbar, aber für das Verständnis dieses Bandes nicht notwendig. Das ist eine bewusste Entscheidung, die Dreyer und Weitze offenbar getroffen haben: Die Chroniken der Nebula Convicto sollen zugänglicher sein als die Hauptreihe, zeitlich früher angesiedelt und mit neuen Hauptfiguren. Das gelingt.
Günter Merlau und die Frage des Tons
Günter Merlau ist ein erfahrener Hörbuchsprecher, und man hört das. Er wechselt mühelos zwischen der nüchternen Ermittlerwelt und den surrealen Momenten, in denen die übernatürliche Dimension aufgeht. Der Humor, den Rezensenten an Dreyers Schreiben hervorheben, bleibt auch in Merlaus Vortrag erhalten, ohne dass er den Ernst der Krimimomente untergräbt. Bei zwölf Stunden Laufzeit ist das ein echtes Qualitätsmerkmal.
Ich habe dieses Hörbuch innerhalb weniger Tage durchgehört, immer eine Stunde hier, eine halbe dort, und jedes Mal war es schwer, wieder aufzuhören. Das ist der beste Hinweis, den ich geben kann.
Wer sollte zuhören, wer nicht
Fans von historischer Urban Fantasy, die Boston 1887 als Schauplatz zu schätzen wissen: sehr empfehlenswert. Leserinnen und Leser der Nebula-Convicto-Reihe von Torsten Weitze, die den Kosmos erweitern wollen: unbedingt. Einsteiger ohne Vorwissen: ebenfalls willkommen, das Buch funktioniert eigenständig. Wer kein Interesse an übernatürlichen Elementen hat oder historische Fantasy generell nicht mag: hier falsch.