Auf einen Blick
- Sprecher: Sven Macht meistert das Kunststück, drei sehr unterschiedliche Erzählstimmen voneinander zu trennen, ohne dabei ins Theatralische zu kippen.
- Themen: Götter gegen Menschen, verbotene Liebe, Identitätssuche
- Stimmung: Temporeich und humorvoll, mit echter emotionaler Tiefe
- Fazit: Wer Band 1 geliebt hat, wird diesen zweiten Teil noch schwerer aus dem Ohr legen können.
Ich war gerade auf einer langen Zugfahrt von München nach Hamburg, als ich Sven Machts Stimme das letzte Kapitel von Band 1 abschließen hörte und sofort auf Band 2 weitersprang. Das war ein Freitagabend, draußen zog das winterliche Rheintal vorbei, und ich merkte nach etwa zwanzig Minuten, dass ich aufgehört hatte, aus dem Fenster zu schauen. Das Millenniumsepos hat diese Wirkung: Es zieht einen hinein, und dann ist man weg.
Clannon Millers zweiter Band trägt den Untertitel Königsbraut und setzt genau dort an, wo die Geschichte aufgehört hat, die Figuren in alle Himmelsrichtungen zu verstreuen. Kessa, Tala und Miri verfolgen nun drei separate Missionen, die trotz ihrer Verschiedenheit dasselbe Ziel ansteuern: das Ende des Millenniumsspiels. Was das auf Hörbuch-Ebene bedeutet, ist eine strukturelle Herausforderung. Drei Perspektiven, drei Tonlagen, drei emotionale Landschaften. Sven Macht nimmt diese Aufgabe an, ohne zu wanken.
Drei Stimmen, ein Sprecher
Man spricht im deutschen Hörbuchmarkt nicht oft genug darüber, wie anspruchsvoll es ist, einen Mehrstränger zu sprechen, bei dem die Figuren nicht nur unterschiedliche Persönlichkeiten haben, sondern auch unterschiedliche Welten bewohnen. Kessas Tarnung im Palast des Großkönigs von Sassaris ist angespannt und strategisch. Talas Reise mit Bettlerjunge Askender ist wilder, von alten Frauenstimmen im Kopf geprägt und mit einem Humor durchzogen, der mich mehr als einmal laut auflachen ließ. Miris Todesmission dagegen trägt ein Gewicht, das Macht mit einer ruhigeren, fast resignierten Nuance unterlegt. Es funktioniert. Die drei Stränge klingen erkennbar verschieden, ohne dass man das Gefühl hat, der Sprecher überperformt.
Ein Wettbewerb als Kulisse, ein Krieg als Kern
Die Prämisse von Kessas Geschichte, König sucht Frau unter tausend Jungfrauen, klingt zunächst nach einem bekannten Fantasy-Trope. Aber Miller dreht die Erwartung rasch um. Kessa ist nicht dort, um zu gewinnen, sondern um eine Energiequelle der Götter zu zerstören. Das Problem: Sie hat ein strenges Verbot, sich zu verlieben, und der Plan hält sich nicht an dieses Verbot. Was Miller hier macht, ist weniger das Auskosten der romantischen Spannung als das Untersuchen, was Programmierung von Gefühl trennt. Die Kohini-Klone, deren Verhalten als fehlerhaft eingestuft wird, werfen die Frage auf, ab wann eine Reaktion aufhört, berechnet zu sein, und anfängt, echt zu werden. Das ist für Fantasy-Verhältnisse ungewöhnlich sorgfältig durchdacht.
Talas Handlungsstrang ist der humorvollste, aber auch der psychologisch faszinierendste. Sie trägt das Wissen vergangener Frauen in sich, eine Art kollektives Gedächtnis, das ihr ebenso viel hilft wie es sie lähmt. Askender, der Bettlerjunge, den sie als Störfaktor erlebt, entwickelt sich zu dem, was die Rezensenten als unvorhergesehene Wendung beschreiben, ohne dass ich hier zu viel verraten möchte. Ich werde nur sagen: Tala hat mich überrascht. Und das ist in einem zweiten Band keine Selbstverständlichkeit.
Was der zweite Band leistet und wo er Grenzen setzt
Nicht alle Mittelbände einer Trilogie schaffen es, eigenständig zu stehen. Königsbraut gehört zu denen, die es versuchen und weitgehend gelingen. Die Geschichte bewegt sich nicht auf der Stelle. Geheimnisse lüften sich, Charaktere wachsen, die Götterpolitik wird komplexer. Gleichzeitig ist das Buch klar ein Mittelteil: Es schließt nicht ab, es öffnet. Der Cliffhanger ist weniger brutal als am Ende von Teil 1, aber er ist da, und er tut seine Arbeit. Wer alle drei Teile auf einmal hört, was inzwischen möglich ist, denn die Reihe ist vollständig erschienen, hat den besten Deal. 20 Stunden und 31 Minuten klingt nach viel. Auf Reisen, beim Spazierengehen, in langen Abenden: Diese Zeit vergeht schneller, als man denkt.
Ein kleiner Vorbehalt: Wer mit dem Millenniumsepos noch gar nicht vertraut ist, sollte hier nicht einsteigen. Die Welt, die Figuren, die Götter-Systematik, das alles setzt Band 1 voraus. Aber für alle, die dort bereits drin sind, ist Königsbraut keine Enttäuschung.
Für wen, für wen nicht
Wer mehrstimmige Fantasy mag, in der Götter und Sterbliche auf Augenhöhe agieren und Humor kein Zeichen von Oberflächlichkeit ist, ist hier richtig. Wer einen in sich geschlossenen Roman sucht oder Fantasy bevorzugt, die die großen Themen lieber im Hintergrund lässt, wird sich an der Vielstimmigkeit dieses Bandes reiben.