Auf einen Blick
- Sprecher: Tanja Geke bringt Eve Dallas’ kantigen Pragmatismus und gleichzeitige Verletzlichkeit mit gewohnter Sicherheit auf den Punkt — ihre Stimme ist seit Jahren das Gesicht dieser Reihe auf Deutsch.
- Themen: Mordermittlung in naher Zukunft, Freundschaft und Fürsorge, parallele Fälle mit überraschendem gemeinsamen Nenner
- Stimmung: Packend und warmherzig zugleich — der klassische Eve-Dallas-Mix aus hartem Krimi und menschlicher Nähe
- Fazit: Für Fans der Reihe ein verlässlich starker Band; Neueinsteiger sollten beim ersten Teil beginnen.
Es war ein Dienstagabend, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, früh schlafen zu gehen. Dann legte ich mit « In Liebe und Tod » los — und um Mitternacht lag ich immer noch wach, die Kopfhörer fest im Ohr, während Tanja Geke mir von Tandy Willowby erzählte, einer jungen Frau, die kurz vor der Geburt ihres Kindes spurlos verschwunden ist. Kein Wunder, dass ich nicht aufhören konnte.
J. D. Robb ist das Pseudonym von Nora Roberts, und die Eve-Dallas-Reihe zählt seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Krimiserien weltweit. Dieser Band gehört zu den mittleren Teilen einer inzwischen weit über dreißig Bände umfassenden Reihe. Man muss die Vorgänger nicht gelesen haben, um dem Plot zu folgen — aber der emotionale Kontext, den man durch das Kennen der Figuren mitbringt, macht dieses Hörbuch erheblich reicher. Wer ganz neu ist: Ich empfehle dringend, mit Band 1 zu beginnen.
Zwei Fälle, ein roter Faden
Der Aufbau ist typisch für Robb: Eve Dallas bekommt zwei auf den ersten Blick unabhängige Fälle auf den Tisch. Da ist die brutale Ermordung eines jungen Paares — ein Fall, der trotz seiner Grausamkeit zunächst klar und überschaubar wirkt. Und dann ist da Tandy Willowby, die Freundin einer Freundin, eine hochschwangere Frau, die in einer fremden Stadt niemanden kennt und plötzlich weg ist. Dass diese beiden Fälle miteinander verknüpft sind, ahnt man früh. Wie genau die Verbindung aussieht, entfaltet Robb mit der Gelassenheit einer Autorin, die weiß, dass sie die Spannung nicht erzwingen muss.
Besonders gut gefällt mir, wie Robb in diesem Band die Menschlichkeit hinter dem Polizeiapparat herausarbeitet. Eve sitzt in einem Geburtsvorbereitungskurs, weil ihre beste Freundin Mavis sie darum gebeten hat — das ist nicht der Ort, an dem man sich diese Figur vorstellt, und genau darin liegt der Humor. Mavis ist, wie mehrere Rezensenten angemerkt haben, eine Figur, die polarisiert: laut, überschwänglich, manchmal grenzüberschreitend. Das stimmt. Aber sie ist auch der Grund, weshalb Eve überhaupt in diesen Fall stolpert, und ohne diesen Umweg würde Tandy vielleicht niemals gefunden.
Was Tanja Geke aus dieser Geschichte macht
Tanja Geke spricht seit vielen Jahren die deutschen Fassungen der Eve-Dallas-Reihe, und man merkt dieser Produktion an, wie vertraut sie mit der Figur ist. Geke gibt Eve eine Stimme, die gleichzeitig hart und rau klingt und in den richtigen Momenten eine fast zögerliche Wärme zeigt. Diese Balance ist nicht selbstverständlich. Eve Dallas ist keine einfache Hauptfigur: Sie ist traumatisiert, zynisch, zutiefst loyal und in ihrer Liebe zu Roarke auf eine Art verletzlich, die sie selbst nur selten eingestehen würde.
Geke beherrscht die schnellen Verhöre, die trockenen Einzeiler, die kurzen Momente der Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag. Bei Roarke — Eves Ehemann, irischer Milliardär und einer der bestgeschriebenen Nebenfiguren der Gattung — schwingt in ihrer Stimmgebung eine echte Zuneigung mit, die man nicht erzwingen kann. Das ist Präzisionsarbeit über viele, viele Stunden Laufzeit hinweg, und an keiner Stelle höre ich Ermüdung heraus. Eine Leserin hat es in ihrer Rezension schlicht so gefasst: « Gesprochen von Tanja Geke wieder ein absolutes Highlight. » Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
Was auch hartgesottene Fans kurz innehalten lässt
Was mich in diesem Band am meisten berührt hat, ist die Verquickung von Gewalt und Zukunftsangst. Tandy Willowby ist nicht das Opfer eines klassischen Krimiplots. Sie ist eine Frau, die allein in eine neue Stadt gezogen ist, wenig Kontakte hat und kurz vor dem einschneidendsten Moment ihres Lebens steht. Ihre Verletzlichkeit ist keine literarische Konstruktion — sie ist die Verletzlichkeit echten Lebens. Und Robb schreibt sie so, dass man mitzittert, ohne dass es je melodramatisch wird.
Einige Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass die Reihe nach vielen Bänden vorhersehbar wird. Das stimmt in gewissem Maße: Man weiß, dass Eve den Fall lösen wird, man weiß, dass Roarke irgendwann mit einer Flasche Whiskey und einem halben Plan auftaucht, man weiß, dass Mavis am Ende weint. Aber das ist hier kein Einwand gegen das Buch — das ist der Komfort des Vertrauten, den Hörer dieser Reihe aktiv suchen. Es ist der Grund, weshalb die Reihe nach drei Jahrzehnten noch immer neue Bände erscheinen lässt und über 920 Bewertungen auf knapp 4,5 Sterne kommt.
Für wen dieses Hörbuch passt — und für wen nicht
Wer die Eve-Dallas-Reihe kennt und liebt, wird mit diesem Band gut bedient. Die Produktionsqualität ist hoch, Tanja Gekes Lesung ist makellos, und der Plot bietet genug eigene Wendungen, um auch nach vielen Bänden frisch zu wirken. Die knapp 13,5 Stunden Laufzeit sind gut investiert.
Wer die Reihe noch nicht kennt und hier einsteigen möchte: Bitte nicht. Nicht weil dieser Band unverständlich wäre, sondern weil die emotionalen Investments, die Robb über viele Bände aufgebaut hat, hier ihre Ernte einfahren. Man kann die Geschichte verstehen; man kann sie aber nicht vollständig fühlen, ohne den Weg dorthin gegangen zu sein. Wer Krimis mit Science-Fiction-Setting grundsätzlich skeptisch gegenübersteht, sei gewarnt: Das New York des 21. Jahrhunderts ist Kulisse, keine Hauptfigur — aber es ist allgegenwärtig.