Auf einen Blick
- Sprecher: Nils Nelleßen findet für Tavias akademische Welt und die düsterere Bedrohung durch die Vord zwei unterschiedliche Tonlagen, ohne die Einheit der Erzählung zu brechen.
- Themen: Politische Intrigen, Magie und Identität, Loyalität
- Stimmung: Episch, atmosphärisch dicht und zunehmend bedrohlich
- Fazit: Für Fans des ersten Bandes ist Im Schatten des Fürsten eine starke Fortsetzung, die die Welt von Alera glaubwürdig erweitert. Kein Einstiegspunkt für die Reihe.
Es war schon nach Mitternacht, als ich das Ende des zweiten Bandes der Codex-Alera-Reihe hörte. Ich hatte den ersten Band, Die Elementare von Calderon, erst vor wenigen Wochen beendet und war eigentlich nur kurz reingehen wollen. Aber Jim Butcher hat eine Art, seine Figuren in Situationen zu bringen, aus denen man nicht ohne Weiteres aussteigen kann, und Nils Nelleßen liest das mit einer Präzision, die jeden Widerstand aufweicht.
Im Schatten des Fürsten ist der zweite Band der sechsteiligen Reihe, die Jim Butcher neben seiner bekannteren Dresden-Files-Serie geschrieben hat. Und es ist jener seltene zweite Band, der den ersten nicht nur fortsetzt, sondern ihn in seiner Bedeutung vergrößert.
Tavi in Alera Imperia: Was es bedeutet, ohne Magie zu leben
Zwei Jahre nach den Ereignissen im Calderon-Tal lebt Tavi in der Hauptstadt Alera Imperia und wird zum kaiserlichen Kursor ausgebildet. Er kann immer noch keine Elementargeister beschwören, eine Besonderheit in einer Welt, in der magische Fähigkeiten den gesellschaftlichen Rang definieren. Butcher nutzt diese Prämisse brillant, weil Tavis Schwäche ihn zu einem anderen Helden macht als die meisten im Fantasy-Genre. Er kämpft nicht mit Macht, er kämpft mit Scharfsinn.
Nils Nelleßen trägt diese Unterscheidung gut durch die Erzählung. Tavi klingt jung, aber nicht naiv. Man spürt, dass hinter seiner Stimme jemand steht, der beobachtet und abwägt. Die neuen Figuren, Max, Ehren, Gaelle, bekommen durch Nelleßen eine eigene Klangfarbe, ohne dass er in aufgesetzte Verstellungen verfällt. Das ist handwerklich sauber und dient der Geschichte.
Wenn zwei Bedrohungen gleichzeitig eskalieren
Was Im Schatten des Fürsten von vielen Fortsetzungsbänden unterscheidet, ist die strukturelle Entscheidung, zwei Krisen gleichzeitig aufzubauen: die innenpolitischen Intrigen um den erkrankten Kaiser Gaius Sixtus, bei denen die Mächtigen des Reichs ihre Positionen ausbauen, und die äußere Bedrohung durch die Vord, uralte Schreckensgestalten, für deren Wiedererweckung auch Tavi mitverantwortlich ist. Beide Handlungsstränge brauchen Zeit, um in Fahrt zu kommen, aber sie entwickeln sich nicht parallel, sie verflechten sich zunehmend.
Rezensentin Linda schreibt, man würde den Band regelrecht einatmen. Das stimmt für die zweite Hälfte absolut. Butcher baut Spannung nicht durch Tempo, sondern durch wachsende Dichte. Wenn die Konsequenzen der früheren Entscheidungen sichtbar werden, ist man bereits so tief in der Welt, dass es kein Entkommen gibt.
Was Nils Nelleßen aus dem Figurenpanorama macht
Jim Butchers Romane leben von einer Qualität, die man im Deutschen oft als Figurfülle bezeichnet: Es gibt viele Charaktere, und sie alle haben Willensakte, Überzeugungen und Widerstände. Nelleßen meistert das mit beeindruckender Konsistenz über 22 Stunden. Die Antagonisten Brencis, Renzo, Varien wirken bedrohlich, ohne hollywoodhaft zu werden. Kaiser Gaius bekommt eine Schwere, die seinen Zustand glaubwürdig macht. Und die Vord, die kaum sprechen und dennoch präsent sind, erhalten durch Nelleßens sparsamen Einsatz von Kälte eine gruselige Qualität, die im Text allein schwerer zu erzeugen wäre.
Rezensent Aragon erwähnt, dass die Beziehungen zwischen den Figuren authentisch wirken und jedes Wesen in der Welt seine eigene Logik hat. Das ist das Verdienst von Butcher als Autor, aber es ist auch das Verdienst einer Interpretation, die dieses Netz nicht vereinfacht.
Wer einsteigen sollte und wer nicht
Im Schatten des Fürsten ist ausschließlich etwas für Hörerinnen und Hörer, die bereits Band 1 der Codex-Alera-Reihe kennen. Wer dort einsteigt, ohne die Ausgangsereignisse im Calderon-Tal zu kennen, wird die emotionale Tiefe dieser Fortsetzung nicht entfalten können. Für alle, die Band 1 gemocht haben: Hier wird die Welt reicher, die Bedrohungen echter und Tavi zu einer Figur, für die man echte Sorge empfindet. Das ist die schönste Sache, die ein Fantasy-Hörbuch leisten kann.