Auf einen Blick
- Sprecher: Dieter Nuhr liest sein eigenes Buch und das merkt man sofort. Timing, Betonung, die kleinen Pausen vor der Pointe — all das sitzt so, wie es nur jemand hinbekommt, der den Text selbst geschrieben und jahrzehntelang auf Bühnen verfeinert hat.
- Themen: Gesellschaftskritik, Meinungsfreiheit, begründeter Optimismus
- Stimmung: Pointiert und verschmitzt, mit gelegentlichen scharfen Kanten
- Fazit: Wer Nuhrs Humor mag, wird gut unterhalten; wer ihn kritisch einschätzt, hört trotzdem ein handwerklich sehr sauber gemachtes Kabaretthörbuch.
Es war ein Dienstagabend, kurz nach halb neun, und ich hatte gerade die Nachrichten ausgemacht — nicht weil nichts passierte, sondern weil zu viel passierte und mein Kopf eine Pause brauchte. In dieser Stimmung legte ich « Gut für dich! » ein. Fünf Stunden und sieben Minuten Dieter Nuhr, der mir erklärt, dass die Welt gar nicht so schlimm ist wie sie klingt. Ich war skeptisch. Ich bin es nach wie vor an einigen Stellen. Aber ich habe auch mehrfach laut gelacht, was bei einem Sachbuch nicht selbstverständlich ist.
Nuhr ist eine der polarisiertesten Figuren im deutschsprachigen Kabarett. Das spiegeln auch die Bewertungen auf Audible wider, die zwischen begeisterter Zustimmung und methodischer Ablehnung pendeln. Ich versuche, beides ernst zu nehmen und trotzdem einen klaren Blick auf das Hörbuch selbst zu behalten — nicht auf die öffentliche Person dahinter.
Wenn der Kabarettist sein eigenes Buch einliest
Der entscheidende Vorzug dieser Produktion ist, dass Nuhr selbst spricht. Bei Kabarettisten, die ihre Texte vorlesen, entsteht entweder ein seltsam domestiziertes Bühnengefühl oder aber etwas, das dem Original sehr nahe kommt. Bei Nuhr ist es das Zweite. Er weiß genau, wo die Pause kommt, wo er die Stimme leicht anhebt und wo er absichtlich flach bleibt, um die Absurdität des Gesagten selbst die Arbeit machen zu lassen. Das ist ein Handwerk, das sich nicht simulieren lässt. Ein Profisprecher, der diesen Text gelesen hätte, hätte ihn korrekt gelesen — Nuhr liest ihn richtig.
Die Laufzeit von gut fünf Stunden ist für das Genre angemessen. Es gibt keine Längen im eigentlichen Sinne, aber einzelne Passagen kreisen um denselben Gedanken herum, bis man das Gefühl hat, die Pointe sei nun wirklich angekommen. Das ist weniger ein Fehler der Sprechleistung als ein gelegentliches Strukturproblem des Textes.
Optimismus als politische Haltung
Der Kern des Buches ist eine These, die Nuhr selbst so formuliert: Die Realität ist erheblich besser als ihr Ruf. Dagegen ist grundsätzlich wenig einzuwenden. Die Idee, dass Nachrichten strukturell zur Negativauswahl tendieren und dass chronische Empörung keine hilfreiche Haltung erzeugt, ist gut belegbar und wird von Forschern wie Steven Pinker ähnlich argumentiert. Nuhr beruft sich auf Fakten und kommt dabei zu Schlussfolgerungen, die ihm Bewunderer als couragiert und Kritiker als bequem auslegen.
Rezensent MonacoKlaus hat das gut auf den Punkt gebracht: Nuhr präsentiert seine Meinung mitunter als gesicherte Wahrheit, und das ist dann am wenigsten überzeugend, wenn die Satire als Schutzschild fungiert. Wenn ein Witz daneben geht, ist es Humor. Wenn er trifft, ist es Analyse. Diese Doppelrolle kann irritieren. Ich finde sie ehrlicher als eine vermeintlich neutrale Sachbuchstimme, aber man muss sich dessen bewusst sein, was man hört.
Wo das Buch seinen Versprechen gerecht wird — und wo nicht
Am stärksten ist « Gut für dich! » in den Momenten, in denen Nuhr die Mechanismen von Empörungskultur beschreibt. Die Beobachtung, dass gesellschaftliche Debatten inzwischen eine Art Performativitätszwang entwickelt haben — also dass man nicht nur richtig denken, sondern das auch sichtbar tun muss — ist präzise und komisch zugleich. Dass er Ratschläge für « begründeten Optimismus » und « entspannte Geschlechtlichkeit » gibt, klingt im Klappentext absurder als es sich anhört. Die Passagen dazu sind tatsächlich eher ruhig und nachdenklich als provokativ.
Weniger überzeugend finde ich die Stellen, an denen er Komplexität zugunsten der Pointe vereinfacht. Das ist ein Tribut an das Kabarettformat, das nun einmal auf Zuspitzung angewiesen ist. Wer ein ausgewogenes politisches Essay sucht, ist hier falsch. Wer einen klugen, pointierten Abend mit einem der erfahrensten deutschen Kabarettisten verbringen will, der seine eigenen Texte meisterhaft vorträgt, ist genau richtig.
Fuer wen ist dieses Hoerbuch gemacht
Das ist kein Buch, das sich an Menschen richtet, die Nuhrs Haltung nicht kennen oder ihm mit offenem Herzen begegnen. Es ist für Hörerinnen und Hörer, die seine Bühnenarbeit schätzen und das im Audioformat verlängern wollen, und für diejenigen, die sich in einem bestimmten Gesellschaftsklima unwohl fühlen und eine lakonische Gegenstimme suchen. Wer von Anfang an auf Distanz geht, wird Material finden, das diese Distanz rechtfertigt. Wer sich einlässt, bekommt fünf unterhaltsame Stunden mit einem Mann, der eigenständiges Denken tatsächlich praktiziert — auch wenn man zu anderen Ergebnissen kommen kann.
Mit 4,3 von 5 Sternen bei fast 900 Bewertungen liegt das Hörbuch solide im oberen Bereich seines Genres. Das ist kein Zufall.