Auf einen Blick
- Sprecher: Horst Evers liest seine eigenen Texte selbst, und das ist keine Frage der Besetzung, sondern eine Bedingung: sein Timing und seine Pausen machen den Unterschied.
- Themen: Weihnachtsrituale und ihre absurden Untiefen, das Scheitern am richtigen Geschenk, Winternostalgie mit Selbstironie
- Stimmung: Leicht und vergnügt, wie ein Glühwein, nach dem man unerwartet noch einen möchte
- Fazit: Ideal für die Adventsstimmung, wenn man Weihnachten liebt und sich trotzdem gerne darüber amüsiert.
Ich habe dieses Hörbuch im April gehört, was eigentlich absurd ist. Aber manchmal braucht man Horst Evers, egal welchen Monat wir schreiben. Ich hatte an einem Dienstag einen langen Arbeitstag hinter mir und brauchte genau 80 Minuten, die mich nicht fordern, sondern einfach unterhalten. « Früher war mehr Weihnachten » hat das geliefert, vollständig und ohne Umwege.
Horst Evers ist Berliner Kabarettist und Autor, und er liest seine eigenen Texte selbst. Das ist bei dieser Art von Material keine Fußnote, sondern das entscheidende Merkmal des Formats. Evers’ Weihnachtsgeschichten funktionieren auf der Seite, aber sie funktionieren besser, wenn er sie selbst spricht. Seine Pausen sitzen. Die leise Freude, die er an einer gut gebauten Pointe hat, klingt durch, ohne dass er sie erklärt. Das ist das Handwerk eines guten Kabarettisten, und im Hörbuchformat kommt es besonders gut zur Geltung.
Was Evers aus Weihnachten macht
Die Geschichten kreisen um das, was Weihnachten wirklich bedeutet: die traumatische erste Begegnung mit dem Weihnachtsmann, der einem als Kind eindeutig nicht geheuer war. Die unmögliche Suche nach dem richtigen Geschenk, bei der Evers vom Ich-selbst-ganz-nackig-mit-Schleife bis zur Smartphone-Stirnhalterung die gesamte Skala absurder Ideen durchläuft. Was nach drei alkoholfreien Glühwein mit Schuss auf der Eisbahn passiert. Der Romantik-Autodidakt mit seinen Ratschlägen für Liebende. Und dann noch die Frage: Warum haben Eskimos 30 Wörter für Schnee, aber keines für Schadenfreude?
Das klingt vielleicht wie loses Anekdotenschwadronieren, aber Evers ist präziser als er tut. Seine Beobachtungen treffen, weil sie auf etwas Erkanntem basieren. Man lacht nicht über erfundene Dinge, man lacht über die Dinge, die man selbst kennt, die man aber nicht so formuliert hätte. Das ist das Rezept, und Evers beherrscht es.
Das Format und seine Grenzen
Eine Einschränkung, die ich fair ansprechen muss: zumindest ein Teil der Texte in diesem Hörbuch war bereits früher veröffentlicht. Eine Rezension auf Amazon macht darauf aufmerksam, dass wer Evers’ frühere Werke kennt, hier nicht ausschließlich unbekanntes Material antrifft. Die Zusammenstellung ist neu, die Texte selbst nicht immer. Wer also Evers’ gesammelte Weihnachtstexte bereits kennt, könnte auf Vertrautes stoßen. Wer ihn hingegen zum ersten Mal hört, spielt das keine Rolle.
Die Laufzeit von 1 Stunde und 20 Minuten ist für ein Hörbuch sehr kurz. Das ist keine Kritik, sondern eine Information. Man bekommt hier kein Abendprogramm, sondern ein kompaktes Format, das gut in eine Zugfahrt oder einen Küchenabend passt. Ich finde solche kurzen Hörbücher oft unterschätzt, weil sie eine Konzentration erlauben, die man bei einem 15-Stunden-Werk nicht immer aufbringt.
Wann und für wen dieses Hörbuch passt
Die offensichtliche Antwort ist: im Advent. Aber das wäre zu eng gedacht. Wer Horst Evers grundsätzlich mag, findet hier eine gute Stunde, die er auch im April genießen kann, wie ich beweise. Wer leisen, sprachbewussten Humor schätzt und sich über Weihnachtsrituale eher amüsiert als ärgert, liegt richtig. Wer dagegen erwartet, die komplette Evers-Bibliothek in neuer Form zu erleben, sollte vorher prüfen, welche Texte er bereits kennt. Und wer generell mit Kabarett nichts anfangen kann: das hier ist kein Bühnenabend, aber der Geist kommt aus derselben Richtung.