Auf einen Blick
- Sprecher: Günter Merlau passt ausgezeichnet zu Skander Nachtstein: rau, direkt und mit einer lakonischen Trockenheit, die den Witz der Vorlage trägt.
- Themen: Veteranentrauma und Wiedereingliederung; Korruption in einer Hafenstadt; Rache als einziger verbleibender Sinn
- Stimmung: Dunkel, temporeich und mit einem trockenen Humor, der überrascht
- Fazit: Ein sehr starker Auftakt einer Fantasy-Krimireihe, der zeigt, dass das Genre mehr kann als Drachen und Zauberer.
Ich habe Fiebertod und Diamanten auf einer Zugfahrt von München nach Berlin angefangen und war fast enttäuscht, als wir ankamen. Das passiert mir selten. Die Geschichte greift nach den ersten zwanzig Minuten und lässt dann nicht mehr los. Das ist kein Zufall. Dan Dreyer hat offensichtlich genau gewusst, was er schreiben wollte: keinen epischen Fantasy-Roman mit Karten und Mythenkapiteln, sondern eine Geschichte, die sich wie ein Thriller anfühlt und in einer Fantasywelt spielt.
Skander Nachtstein ist zurück in Blauheim. Dreizehn Jahre war er draußen, Soldat Seiner Majestät, unterwegs in Ländern, von denen er nicht viel sagen kann. Er ist vernarbt, er ist müde, und er wollte eigentlich nicht zurückkommen. Dann erfährt er, dass sein Bruder tot aus dem Hafenbecken gezogen wurde, und die Stadtwache hat kein besonderes Interesse daran, den Fall aufzuklären. Das Buch braucht nicht viele Seiten, um klar zu machen: Jemand hier hat sich mit dem falschen Mann angelegt.
Skander Nachtstein und warum der Vergleich mit Jack Reacher mehr als Werbegag ist
Mehrere Rezensenten haben den Vergleich mit Jack Reacher gezogen, und ich verstehe warum. Nicht weil Dreyer Lee Childs Protagonist kopiert, sondern weil Skander die gleiche strukturelle DNA hat: ein Mann ohne viel zu verlieren, mit militärischen Fähigkeiten, die er selten offensiv einsetzt, aber von denen man von Beginn an weiß, dass sie vorhanden sind. Der Unterschied ist die Umgebung. Blauheim riecht nach schwarzem Pulver und Hafenschlamm. Die Welt ist grob, die Gewalt ist real, und der Humor, den Dreyer einwebt, ist der Humor von jemandem, der zu viel gesehen hat, um noch aufgeregt zu sein.
Was Dreyer gut macht, ist die Dosierung. Skander ist kein Superman. Er wird verletzt, er macht Fehler, und es gibt Momente, in denen die Situation außer Kontrolle gerät. Das gibt der Geschichte eine Glaubwürdigkeit, die reine Action-Fantasy oft vermissen lässt. Blauheim ist keine Kulisse, sondern eine Stadt mit Geschichte, Interessen und einer Hierarchie, gegen die Skander ankämpft.
Eine Fantasywelt, die nach Schwarzpulver und Hafenschlamm riecht
Die Welt von Fiebertod und Diamanten ist pseudo-napoleonisch, was heißt, dass sie technologisch und gesellschaftlich auf einem Niveau steht, das sich irgendwo zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und einer eigenständigen Fantasykonstruktion befindet. Es gibt Schusswaffen, es gibt eine Aristokratie, es gibt eine Magie, die im ersten Band nur am Rand auftaucht. Das Worldbuilding wird nie erklärt, es wird gezeigt, und zwar in kleinen Details, die Dreyer in die Handlung einbaut, ohne die Geschichte anzuhalten.
Das ist eine kluge Entscheidung, die sich besonders im Hörbuchformat auszahlt. Man muss keine Lektürepausen einlegen, um einen Begriff nachzuschlagen oder ein Kapitel zurückzublättern. Die Welt erschließt sich durch Skanders Wahrnehmung, und weil er ein pragmatischer, wenig sentimentaler Erzähler ist, bekommt man eine Welt, die funktional und konkret wirkt. Keine langen Beschreibungen, keine Oden an die Architektur. Skander schaut, was er wissen muss, und bewegt sich weiter.
Günter Merlau und die Stimme eines Mannes, der zu viel erlebt hat
Günter Merlau kennen viele durch seine Arbeit an der Nebula-Convicto-Reihe von Dan Dreyer, wo er ebenfalls Dreyers Figuren eine Stimme gibt. Hier trägt er Skander, und er trifft ihn gut. Merlau hat eine Stimmqualität, die Erschöpfung und Belastbarkeit gleichzeitig kommuniziert, genau das, was Skander braucht. Kein junger Held, kein Strahlemann, sondern ein Mann, der durch zu viele Kriege gegangen ist und gerade noch aufrecht steht.
Die Actionszenen klingen bei Merlau knapp und direkt, ohne in Aufgeregtheit zu kippen. Das passt zu Dreyers Schreibstil, der auch in den Kampfszenen lakonisch bleibt. Und der trockene Humor des Buches, und davon gibt es mehr als die Covergestaltung vermuten lässt, kommt bei Merlau mit dem richtigen Timing. Er macht keine große Sache daraus, er lässt es einfach stehen, und das ist die richtige Entscheidung.
Auf fast vierzehn Stunden ist Fiebertod und Diamanten ein langes Hörbuch, aber es fühlt sich nicht so an. Die Geschichte verliert ihr Tempo nicht wesentlich, und wenn man am Ende angekommen ist, will man wissen, wie es weitergeht.