Auf einen Blick
- Sprecher: Gert Heidenreich ist eine würdige Nachfolge für Achim Höppner, klar, ruhig und ohne störendes Beiwerk.
- Themen: Gemeinschaft in der Zerstreuung, Pflicht versus Selbsterhalt, das Gewicht des Schicksals
- Stimmung: Dunkel und drängend, mit Momenten stiller Größe
- Fazit: Eine Hörbuchedition, die dem Text vertraut und damit genau richtig liegt.
Es gibt Bücher, die man nicht zum ersten Mal hört, sondern wieder hört. Die zwei Türme gehört für mich in diese Kategorie. Ich habe Tolkiens Mittelerde-Epos zuerst als Kind mit meinem Vater erlebt, dann als Studentin auf eigene Faust gelesen, und jetzt, in dieser Gert-Heidenreich-Ausgabe, zum ersten Mal wirklich gehört. Das ist ein Unterschied, den ich nicht erwartet hatte.
Der Herr der Ringe ist ein Text, bei dem man wissen muss, was man bekommt. Die zwei Türme ist der mittlere Band einer Trilogie, der Bund ist zerbrochen, Frodo und Sam gehen allein weiter, Aragorn, Legolas und Gimli suchen nach den verschwundenen Hobbits, und am Ende ist man noch nicht am Ziel. Das klingt nach einer unbefriedigenden Konstruktion, ist aber das Gegenteil davon, wenn man einmal versteht, dass Tolkien Weg und Ziel nicht trennt. Der Weg ist der Inhalt.
Heidenreich als Nachfolger Höppners
Die Vorgängerausgabe dieser Tolkien-Hörbuchserie wurde von Achim Höppner eingelesen, der 2010 verstorben ist. Höppner war die deutsche Synchronstimme von Gandalf in den Peter-Jackson-Filmen, was seiner Lesung eine besondere Qualität verlieh: Man hörte gewissermaßen Gandalf, der die Geschichte erzählt. Das ist eine Magie, die Gert Heidenreich nicht replizieren kann und auch nicht versucht.
Was Heidenreich stattdessen bietet, ist vielleicht sogar sauberer. Ein Rezensent, der beide Ausgaben kennt, bringt es treffend auf den Punkt: Heidenreich liefert ein richtiges Hörbuch, keinen nervenden Schnickschnack, keine Musik, keine Soundeffekte, nur gesprochenen Text. Das ist eine Entscheidung, die ich vollständig unterstütze. Tolkiens Sprache ist Musik genug. Heidenreich liest Wolfgang Kreges Übersetzung mit einer Klarheit, die dem Originaltext Raum lässt, ohne ihn mit Interpretation zu überlagern. Er ist nicht unsichtbar, aber er tritt zurück, wenn der Text das verlangt, was Tolkien sehr oft verlangt.
Wolfgang Kreges Übersetzung und das Tolkiengesellschaft-Booklet
Diese Ausgabe verwendet die Übersetzung von Wolfgang Krege, die 2000 erschien und im Verhältnis zu der älteren Carroux-Übersetzung gespaltenere Meinungen hervorruft. Krege modernisiert die Sprache, was manche als Gewinn empfinden und andere als Verlust. Für das Hörbuch bin ich der Meinung, dass Kreges flüssigere Satzstrukturen gut funktionieren. Man bleibt im Fluss, auch bei den längeren Beschreibungspassagen.
Das umfangreiche Booklet, das laut Produktbeschreibung als PDF in der Audible-Bibliothek liegt, ist eine echte Zugabe. Die Tolkiengesellschaft hat die Auswahl getroffen: Geschichte der Völker Mittelerdes, Auenland-Kalender, Schrift und Lautung der alten Sprachen. Das ist kein Füllmaterial, sondern echter Mehrwert für alle, die tiefer in Tolkiens Welt einsteigen möchten. Als Hörbuch-Erlebnis ist es nicht nötig, als ergänzendes Leseerlebnis ist es bemerkenswert.
Was der zweite Band leistet
Die zwei Türme hat einen Ruf als der weniger zugängliche Teil der Trilogie, weil er weder den Anfang noch das Ende trägt. Ich sehe das anders. Gerade die Spaltung der Gefährten und die parallel verlaufenden Handlungsstränge zeigen, wie gut Tolkien strukturiert. Frodo und Sam auf dem Weg zum Schicksalsberg, mit Gollum als kaum berechenbarem dritten Element, sind psychologisch der interessanteste Teil des Gesamtwerks. Die Rohan-Kapitel mit Aragorn, Legolas und Gimli haben eine andere Qualität, größer, militärischer, weniger intim, aber die Helms-Klamm-Sequenz gehört zu den am stärksten komponierten Kapiteln der Fantasyliteratur überhaupt.
Wer noch nie in dieser Welt war, sollte mit Der Herr der Ringe Band 1 beginnen. Wer Die Gefährten kennt und auf Band 2 wartet, braucht keine weiteren Überzeugungsarbeit. Und wer einfach wissen möchte, wie sich Tolkien als Hörbuch anfühlt, kann festhalten: es ist eine gute Idee, besonders in dieser Ausgabe.