Auf einen Blick
- Sprecher: Lina Syren liest die Geschichte mit warmem, erzählerischem Fluss, der die historische Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts stimmig trägt.
- Themen: Frauenarbeit und Erfindergeist, Liebe gegen gesellschaftliche Erwartungen, Aufbruch aus der Provinz
- Stimmung: Historisch-romantisch, mit ruhigem Erzähltempo und einem erdigen Ostwestfalen-Kolorit
- Fazit: Ein solider Auftakt einer Familiensaga, der für Fans historischer Frauenromane funktioniert, aber einige handwerkliche Unebenheiten mitbringt.
Ich höre Familiensagas am liebsten an Wochenenden, wenn keine Entscheidung dringend ist und man in eine andere Zeit eintauchen kann, ohne sich zu beeilen. « Die Zeit der Frauen – Eine große Erfindung » von Susanne von Berg ist für genau solche Stunden gemacht. Der Roman beginnt in Ostwestfalen im Jahr 1896, auf einem Bauernhof, auf dem die junge Katharina zwischen dem schweren Alltag der Landwirtschaft und einem dumpfen Gefühl von Mehr träumt.
Was mich an diesem Einstieg gereizt hat, war der historische Rahmen. Von Berg hat eine Saga rund um die Entstehungsgeschichte des bekanntesten deutschen Waschmaschinenherstellers geschrieben, was einem möglicherweise seltsam vorkommt, als Ausgangspunkt für einen Roman aber tatsächlich funktioniert. Die Milchzentrifuge, die Katharina und ihr technikbegeisterter Carl entwickeln, ist nicht nur eine Maschine. Sie ist das Sinnbild einer Erkenntnis: dass weiblicher Ideenreichtum in einer Zeit, in der Frauen kaum Raum für Visionen hatten, trotzdem Wege findet.
Ostwestfalen 1896 und was eine Milchzentrifuge damit zu tun hat
Von Berg schreibt über eine Welt, in der eine Bauerntochter weiß, was von ihr erwartet wird: heiraten, arbeiten, schweigen. Katharina will das nicht. Sie ist nicht auf spektakuläre Weise rebellisch, aber sie denkt weiter als die meisten Menschen in ihrem Umfeld. Als Carl mit seiner Idee in ihr Leben tritt, erkennt sie das Potenzial der Erfindung früher als er selbst. Diese Dynamik, eine Frau als intellektueller Motor hinter einem als Männerprojekt verstandenen Vorhaben, ist das Herzstück des Buches und der Punkt, an dem es am stärksten ist.
Die erste Hälfte des Romans ist die bessere. Hier entwickelt Von Berg die Figuren mit Sorgfalt, baut die Welt des ostwestfälischen Bauerntums überzeugend auf und etabliert eine Liebesgeschichte zwischen Katharina und Carl, die Spannung hat, weil beide Figuren eigenständig sind. Eine Rezensentin schrieb, die ersten zwei Drittel seien sehr spannend gewesen und hätten immer zum Weiterlesen verleitet. Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Im letzten Drittel flacht das Tempo etwas ab.
Lina Syren und die Langsamkeit des 19. Jahrhunderts
Lina Syren hat eine Stimme, die für diesen Stoff gut geeignet ist. Sie liest nicht schnell, aber nicht langsam, sondern mit dem Atem einer Zeit, in der man Briefe schrieb statt Nachrichten tippte. Der historische Ton wird nicht künstlich altmodisch, sondern bleibt lesbar und zugänglich. Besonders in den Passagen, die die körperliche Schwere der Bauernarbeit beschreiben, gelingt ihr eine Erdung, die den Text plastisch macht.
Die Nebencharaktere werden von Syren klarer voneinander abgegrenzt, als man es bei einem Sprecher in der Ich-Perspektive erwarten würde. Die Magd Lina, die im Text erwähnt wird, das alte Gesinde, die Mutter, die an einer Lungenkrankheit leidet: Syren gibt jedem dieser Menschen eine erkennbare Färbung. Das ist handwerklich solide Sprecherarbeit.
Was die schlechten Rezensionen nicht falsch liegen
Es gibt eine kritische Rezension, die ich nicht ignorieren kann, weil sie spezifisch und nachvollziehbar ist. Eine Hörerin berichtet von Detailfehlern im Text: vertauschte Vornamen, ein Sägewerk, das plötzlich zur Kornmühle wird. Das sind keine interpretatorischen Einwände, das sind handwerkliche Fehler, die auf eine zu dünne Lektoratsarbeit hindeuten. Ich habe beim Hören selbst einige solcher Momente bemerkt, die mich kurz herausrissen.
Das ist schade, weil es dem Fundament einer Saga schadet. Familiensagas funktionieren über viele Bände nur, wenn man der inneren Logik vertraut. Wenn Details schon im ersten Band nicht stimmen, schleicht sich eine Unsicherheit ein, die das Lesevergnügen trübt. Ob die Folgebände dieses Problem behoben haben, kann ich nicht sagen. Für den ersten Band bleibt es ein echter Makel.
Wer hier richtig ist und wer sich besser umschaut
Wer historische Familiensagas aus deutschem Raum mag, wer Freude an Frauenfiguren hat, die gegen gesellschaftliche Erwartungen ankämpfen, und wer mit einem ruhigen Erzähltempo gut umgehen kann, wird hier solide unterhalten. Wer literarische Präzision und ein fehlerfreies Lektorat voraussetzt, könnte sich an den beschriebenen Ungenauigkeiten stören. Mit einer Bewertung von 3,8 Sternen aus fast 900 Bewertungen ist das Buch durchaus beliebt, aber nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Wer die Saga beginnen möchte, sollte das wissen.