Auf einen Blick
- Sprecher: Reinhard Kuhnert spricht Gilberts Perspektive mit einer ruhigen Würde, die dem historischen Stoff angemessen ist und die Immersion in das Süditalien des 11. Jahrhunderts trägt.
- Themen: Macht und Verrat, Loyalität und Opfer, historisches Süditalien
- Stimmung: Dicht und atmosphärisch, gelegentlich eher beschaulich als rasant
- Fazit: Solider zweiter Band für Fans der Normannensaga, aber kein Einstiegspunkt für Neuleser.
Ich habe « Die Rache des Normannen » auf einem langen Wochenendspaziergang gehört, verteilt über zwei Tage. Mit zwölf Stunden und 19 Minuten ist das Hörbuch kein kurzer Sprint, und ich glaube, das ist auch die richtige Art, es zu konsumieren: In Etappen, mit Zeit dazwischen, um das mittelalterliche Süditalien wirken zu lassen. Historische Romane dieser Art wollen nicht gehetzt werden.
Eine Bemerkung vorab für alle, die diesen Band als Einstieg in Ulf Schiewes Normannensaga planen: Das ist der zweite Teil. Die Rezension von Thomas Gerwert beschreibt ihn ausdrücklich als « Fortsetzung der Normannensaga » und setzt bekannte Figuren aus Band eins voraus. Schiewe bemüht sich laut der Rezension um eine kurze Einführung am Beginn für Neueinsteiger, aber der emotionale Vorlauf und die Figurenkenntnis, die man aus dem ersten Band mitbringt, machen das Hörerlebnis deutlich reicher. Wer die Normannensaga noch nicht kennt, sollte mit Band eins beginnen.
Süditalien 1054, mit Reinhard Kuhnert als Begleiter
Reinhard Kuhnert ist für dieses Hörbuch die richtige Wahl. Er hat eine Stimme, die Gewicht hat ohne Schwere zu erzeugen: Sie klingt nach historischem Stoff, ohne akademisch zu sein. Gilberts Perspektive als junger Normanne, der in Salerno mit Opulenz und Verrat konfrontiert wird, braucht eine Stimme, die Staunen transportieren kann ohne kindlich zu klingen. Das gelingt Kuhnert. Er spricht die Beschreibungen der lombardischen Stadt mit einer zurückhaltendem Bewunderung, die der Naivität und Wissbegierigkeit der Figur entspricht, ohne die Spannung vorwegzunehmen.
Reviewer « Michael Steinborn » hat das Wort « Immersionserleben » benutzt und das trifft den Kern. Das Hörerlebnis mit Kuhnert ist nicht aufgeregt oder unterstreichend, es ist einladend. Man wird in das 11. Jahrhundert hineingezogen, nicht hineingedrückt.
Geschichte als Hintergrundfolie, nicht als Schmuck
Was Ulf Schiewe von vielen Autoren historischer Romane unterscheidet, ist nach dem Eindruck dieses Bandes die Ernsthaftigkeit der Recherche. Reviewer « milleniummini » schreibt, dass das Buch « sehr sorgfältig geschrieben » sei und sowohl äußere Umstände als auch Gefühlsregungen präzise beschreibe. Das spürt man beim Hören: Salerno, der Machtkampf um die Prinzenfamilie, die Rolle der normannischen Krieger in Süditalien, das alles hat Konkretion, die eine Googelrecherche anregt statt ersetzt.
Schiewe nutzt die historische Kulisse nicht als Kostüm über einem generischen Abenteuerroman, sondern als tatsächlichen Rahmen, in dem die Handlung ohne diese spezifische Zeit und diesen spezifischen Ort nicht existieren könnte. Der Machtkampf, den Gaitelgrima und ihr Kind erleben, die Stellung von Robert Guiscard, die politischen Spannungen in Süditalien kurz vor dem großen Schisma von 1054: Das ist kein austauschbares Mittelalter, sondern eine konkrete historische Situation.
Das Tempo und seine Ehrlichkeit
Reviewer « Michael Steinborn » hat etwas geschrieben, das ich für eine der ehrlichsten Einschätzungen halte, die ich in Hörbuchrezensionen lese: « Was die Spannungskurve angeht, es plätschert eigentlich eher so, aber irgendwie gefällt mir das. » Das ist keine Kritik verkleidet als Lob, sondern eine präzise Beschreibung einer bestimmten Art zu erzählen. « Die Rache des Normannen » baut Spannung nicht durch Tempo auf, sondern durch Dichte und Kontext. Es gibt keinen atemlosen Seiten-Turner-Rhythmus. Es gibt stattdessen eine langsam sich zusammenziehende Bedrohung, die ihre Kraft aus der Qualität der Figuren und dem historischen Kontext zieht.
Wer Bücher von Bernard Cornwell oder Ken Follett kennt und schätzt, wird mit Schiewes Erzählweise vertraut sein. Wer in historische Romane einsteigt mit der Erwartung von Action-Rhythmus moderner Thriller, könnte am Anfang Geduld brauchen. Aber Geduld wird belohnt.
Wer sollte zuhören, wer besser nicht
Dieser Band ist ausschließlich für alle empfohlen, die den ersten Teil der Normannensaga kennen oder zumindest bereit sind, ihn zuerst zu hören. Als Einstieg in die Reihe ist « Die Rache des Normannen » nicht geeignet. Für Fans von historischen Romanen, die ihre Geschichte ernst nehmen und auf schnelle Unterhaltung nicht angewiesen sind, ist das eine solide, gut recherchierte Produktion mit einem Sprecher, der dem Stoff gerecht wird. Wer die Normannensaga von Anfang an gehört hat, wird hier einen zweiten Band finden, der das aufgebaute Fundament sinnvoll nutzt.