Auf einen Blick
- Sprecher: Thomas Balou Martin ist der geborene Sprecher für LitRPG: seine Stimme trägt die Spielwelt-Mechanik mit Energie, ohne in Monotonie zu verfallen, und er differenziert die Charaktere klar voneinander.
- Themen: Spielwelt-Politik und Klanführung, Intuition versus Regelwerk, Macht und ihre Konsequenzen
- Stimmung: Rasant und komplex, mit einem Humor, der die Schwere der Handlung immer wieder auflockert
- Fazit: Band 4 der Survival-Quest-Serie hält das hohe Niveau der Reihe, ist aber kein Einstiegspunkt. Wer Barliona noch nicht kennt, fängt bei Band 1 an.
Es ist ein Mittwochabend, ich bin müde nach einem langen Tag, und ich wollte eigentlich früh ins Bett. Stattdessen sitze ich anderthalb Stunden später noch mit den Kopfhörern auf dem Sofa, weil Thomas Balou Martin gerade Hochschamane Mahan durch die Phantomburg jagt und ich schlicht nicht aufhören kann. LitRPG macht mir das immer wieder. Man denkt, man versteht, wie das Genre funktioniert, und dann holt einen eine gut erzählte Stelle doch wieder ein.
« Die Phantomburg » ist, soweit ich das aus dem Kontext erschließen kann, ein fortgeschrittener Band der Survival Quest-Serie von Vasily Mahanenko. Wer die Reihe nicht kennt: Es handelt sich um eine Spielwelt-Fantasyreihe, in der die Protagonisten nicht einfach in ein Videospiel hineinspielen, sondern die Spielwelt als eine Art alternative Realität erleben, mit Regeln, Konsequenzen und einer politischen Komplexität, die echten Machtsystemen ähnelt.
Wenn ein Computerspiel sich wie Geschichte anfühlt
Das Grundproblem vieler LitRPG-Romane ist, dass die Spielmechanik die Erzählung erdrückt. Endlose Statusfenster, Punktzahlen, Level-Ups, die sich wie eine Tabellenkalkulationsübung lesen. Mahanenko navigiert das mit mehr Geschick als viele seiner Mitstreiter im Genre. Die Punktebeschreibungen sind da, ein Rezensent namens Dirk räumt selbst ein, dass man « von der Aufzählung der erzielten Punkte » absehen müsse, aber die eigentliche Handlung, Mahans politischer Auftrag, die Frage, welchem der drei großen Klans er vertrauen kann, und die Entscheidung, am Ende seiner Intuition zu folgen, sind dramurgisch solide konstruiert.
Was « Die Phantomburg » von einem Standardband unterscheidet, ist die Verdichtung der politischen Konsequenzen. Mahanenko lässt seinen Schamanen in eine Situation geraten, in der das Befolgen aller Regeln keinen Ausweg bietet, und die einzige Lösung in einem Vertrauenssprung liegt. Das ist erzählerisch befriedigend und thematisch interessant, weil es die Frage stellt, ob Computerspiele, in denen man eigentlich immer neu anfangen kann, wirklich Risikofreiheit bieten oder ob echte Konsequenzen einer der unterschätzten Reize sind.
Thomas Balou Martin und das Tempo einer Spielwelt
Thomas Balou Martin ist mit der Survival-Quest-Serie verknüpft wie wenige Sprecher mit ihren Serien. Ich habe ihn in der Reihe schon bei anderen Bänden erlebt, und er hat eine Fähigkeit, die für LitRPG besonders wichtig ist: Er kann Tempo regulieren. In Kampfszenen zieht er an. In den politischen Verhandlungspassagen, die in diesem Band erheblich Raum einnehmen, verlangsamt er gerade genug, damit die Informationen ankommen, ohne die Spannung zu brechen. Die Charakterunterscheidung ist klar, auch wenn ein Band dieser Reihe viele Nebenfiguren mit ähnlichen Machtpositionen hat.
Mit 18 Stunden und 21 Minuten ist dies das längste Hörbuch des vorliegenden Batches. Das ist für ein LitRPG-Hörbuch normal und eher ein Qualitätsmerkmal als ein Problem: Wer ins Genre einsteigt, möchte eine Welt, in der man wohnt, nicht einfach zu Besuch ist. Martin macht diese Laufzeit angenehm.
Was Barliona von anderen Spielwelten unterscheidet
Viele Rezensenten berichten, die Serie habe sie zum Ausprobieren von Rollenspielen gebracht. Das ist kein Zufall. Mahanenko schreibt eine Spielwelt, die sich intern konsistent anfühlt, mit Regeln, die manchmal unbequem sind, und einer Geschichte, die erklärt, warum ein Spieler, der von drei mächtigen Klans gleichzeitig gejagt wird, das größte Problem nicht mit einem Levelup lösen kann. Es ist die Welt, die zieht, nicht nur der Protagonist.
Ein Rezensent beschrieb treffend, man könne « richtig in die Welt von Barliona eintauchen und fühlt mit den Charakteren ». Das stimmt, und das ist das Verdienst einer Serie, die es über mehrere Bände hinweg geschafft hat, ihre innere Logik zu bewahren.
Wer einsteigt und wer warten sollte
Die Phantomburg ist kein Einstiegspunkt in die Reihe. Die politischen Strukturen, die Beziehungen zwischen den Charakteren und die Spielmechanik setzen Vorwissen voraus. Wer neu ist, beginnt bei Band 1. Wer die Reihe kennt und auf den nächsten Band gewartet hat, wird nicht enttäuscht. Die Geschichte hat hier einen befriedigenden Abschluss und öffnet gleichzeitig den nächsten Handlungsbogen.
LitRPG als Genre hat oft das Problem, seine eigene Nische nicht verlassen zu wollen. Die Survival-Quest-Serie ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn jemand das Genre wirklich beherrscht und ausschöpft. Das ist keine geringe Leistung.