Auf einen Blick
- Sprecher: Christoph Maria Herbst ist die perfekte Besetzung: er beherrscht Satire, Zynismus und leisen Ernst gleichermaßen.
- Themen: Flüchtlingskrise, Medienmacht, politisches Versagen
- Stimmung: Beklemmend komisch, realistisch nah, gesellschaftskritisch ohne Ausweg
- Fazit: Wer Timur Vermes nach « Er ist wieder da » kennt, findet hier seinen wohl besseren Roman.
Es gibt ein bestimmtes Unbehagen, das gute politische Satire erzeugt: Man lacht, und dann merkt man, warum man eigentlich nicht lachen sollte. Timur Vermes ist darin ein Spezialist. Ich habe « Er ist wieder da » seinerzeit mit dem Gefühl gelesen, ein brillantes Experiment zu verfolgen. « Die Hungrigen und die Satten » habe ich mit dem Gefühl gehört, einem Blick in ein Spiegellabyrinth ausgesetzt zu sein, das man selbst gebaut hat.
Das Hörbuch habe ich an drei aufeinanderfolgenden Abenden gehört, und es hat mich jedes Mal länger wachgehalten, als ich vorhatte. Nicht weil es spannend im Thriller-Sinne ist. Sondern weil es so verdammt präzise ist.
Der Plot, der keine Fiktion mehr sein will
Vermes entwirft eine nahe Zukunft, in der Europa sich komplett abgeriegelt hat. Hinter der Sahara leben Millionen Menschen in Lagern. Als die deutsche Reality-Moderatorin Nadeche Hackenbusch eines dieser Lager besucht, erkennt der junge Flüchtling Lionel seine Chance: Er bricht mit 150.000 Menschen zu Fuß nach Europa auf, mit Hackenbusch als unfreiwilliger Dokumentarfilmerin seines Marsches. Die Zuschauerzahlen explodieren. Der Sender jubelt. Die Politik sieht weg, redet klein, sitzt aus.
Das ist kein Roman über die Flüchtlingskrise im Abstrakten. Es ist ein Roman über die Mechanismen, durch die ein modernes demokratisches Gemeinwesen bei einer moralischen Frage versagt, die es eigentlich stellen müsste. Vermes ist böse dabei, aber er ist nie nihilistisch. Er zeigt Figuren, die innerhalb des Systems das Mögliche tun, und zeigt gleichzeitig, wie begrenzt dieses Mögliche ist.
Christoph Maria Herbst als Solist
Herbst spricht dieses Buch, und das ist eine Besetzung mit eigenem Gewicht. Er kennt Vermes-Texte, hat « Er ist wieder da » ebenfalls eingelesen, und man merkt, dass er diesem Material gewachsen ist. Seine Stärke ist, dass er Satire nicht übertreibt. Er lässt den Text atmen, findet die Stellen, die witzig sind, ohne sie zu unterstreichen, und nimmt die dunkleren Momente ernst.
Besonders bemerkenswert: Die Figur des Innenministers Joseph Leubl, eines Politikers, der im Verlauf des Romans zu einer der menschlichsten Figuren wird, obwohl er einer Partei angehört, bei der man das nicht erwartet. Herbst gibt dieser Figur etwas Geduldiges, fast Melancholisches. Ein Rezensent nennt ihn einen « sehr menschlichen, einfühlsamen CSU-Innenminister ». Das klingt nach einem Witz. Im Hörbuch ist es kein Witz, und Herbst weiß das.
Die 15 Stunden und 13 Minuten sind dicht. Einige Rezensenten finden die ersten Kapitel schwer zugänglich, weil Vermes einen eigentümlichen, mehrschichtigen Erzählstil hat, der sich manchmal wie eine Parodie auf einen Tageszeitung-Leitartikel liest. Das stimmt. Wer sich aber einmal eingefunden hat, der wird kaum mehr aussteigen wollen.
Was der Klappentext verschweigt
Das Buch wurde 2018 veröffentlicht, lange vor vielen der politischen Entwicklungen, die seitdem stattgefunden haben. Mehrere Rezensenten weisen darauf hin, dass der Roman « heute aktueller denn je » sei. Das ist keine leere Phrase: Der Abstand zwischen Vermes’ Fiktion und der politischen Wirklichkeit ist seit der Erstveröffentlichung kleiner geworden, nicht größer.
Das macht das Hörbuch zu einem seltsamen Hörerlebnis. Man lacht, aber das Lachen hat etwas Unangenehmes daran. Man fiebert mit Figuren mit, die in einer Welt stecken, die erkennbar unsere ist. Und am Ende fragt man sich, wie Vermes 2018 so klar gesehen hat, was 2026 selbstverständlich wirkt.
Wer dieses Hörbuch hören sollte
Wer politische Satire schätzt und bereit ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, die einem nicht schmeichelt, ist hier richtig. Wer Christoph Maria Herbst als Sprecher kennt und schätzt, hat ohnehin guten Grund, dieses Hörbuch zu wählen. Wer « Er ist wieder da » gemocht hat, wird « Die Hungrigen und die Satten » als das komplexere, dunklere Geschwisterstück schätzen. Wer dagegen politische Themen im Hörbuch grundsätzlich meidet, sollte das wissen: Vermes stellt keine Fragen, die er dann wegwischt.