Auf einen Blick
- Sprecher: Christoph Maria Herbst ist das Herzstück dieser Produktion. Er spielt den ganzen Clan mit verschiedenen Stimmen und bleibt dabei immer klar verständlich — Komik entsteht bei ihm durch Timing, nicht durch Gag-Anhäufung.
- Themen: Stadtmensch trifft Natur, Ausgrenzung und Integration, tierische Gesellschaftssatire
- Stimmung: Leicht, witzig, mit mehr gesellschaftlichem Biss als man zunächst erwartet
- Fazit: Band 6 der Erdmännchen-Reihe ist ein vergnüglicher Waldausflug mit Tiefgang — und der beste Grund, vorher die anderen Bände zu hören.
Ich war mitten in einem Waldspaziergang — ironischerweise — als ich die ersten Kapitel von « Der Wald ruft » hörte. Ein blau-weiß kariertes Picknick hatte ich mir vorgestellt, stattdessen lief ich mit Kopfhörern durch den Wald und hörte Christoph Maria Herbst zu, wie er Keiler Herrmann mit einer Stimme versah, die irgendwo zwischen bayrischem Lokalpatriotismus und echter Feindseligkeit lag. Ich musste mehrfach stehenbleiben, weil Lachen und Laufen bei mir nicht zusammenpassen.
Moritz Matthies hat mit seiner Erdmännchen-Reihe etwas Seltenes geschaffen: Tiersatire, die nicht niedlich ist. Oder besser: die niedlich ist und trotzdem etwas sagt. « Der Wald ruft » ist der sechste Band der Reihe um den Clan aus dem Berliner Zoo, und er funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie alle anderen — aber der Schauplatzwechsel in den Wald gibt ihm eine neue Energie.
Berliner Erdmaennchen im Exil
Die Ausgangssituation ist herrlich: Zoochef Windhoeck verkauft den Erdmännchenclan an ein Gartencenter in Oslo. In letzter Sekunde gelingt die Flucht, und der Clan landet, erschöpft und desorientiert, in einem Wald. Wer jemals « Stadtmenschen begegnen der Natur » gesehen hat, kennt das Muster. Matthies dreht es einmal um: Es sind die Stadtmenschen, die als Fremde gelten und von den eingesessenen Waldbewohnern mit Misstrauen empfangen werden.
Keiler Herrmann als feindselige Ortskraft, Rufus der sich in eine Häsin verliebt, Ray der einen Discoschuppen aufzieht und ein paar junge Erdmännchen, die mit halluzinogenen Früchten experimentieren — das liest sich wie eine Aufzählung von Plotpunkten, und das ist es auch. Aber im Gehörten wirkt es wie ein einziger, fließender Witz mit immer neuen Wendungen. Der Schlüssel dazu ist Herbst.
Was Christoph Maria Herbst mit einem Text macht
Es gibt deutsche Sprecher, die gut sind, und es gibt Christoph Maria Herbst. Er ist nicht besser weil er lauter oder expressiver wäre — er ist besser, weil er jeden Satz so spricht als würde er ihn gerade erfinden. Diese Qualität, die in Interviews oft als « natürlich » beschrieben wird, ist in Wirklichkeit das Ergebnis von Jahrzehnten als Schauspieler, Synchronsprecher und Bühnenprofi. Seine Fähigkeit, einem ganzen Tierensemble verschiedene Stimmen zu geben, ohne dass irgendjemand den Überblick verliert, wer gerade spricht, ist bemerkenswert.
Besonders gelungen fand ich seine Darstellung von Rufus in den romantischen Szenen mit der Häsin — eine Mischung aus echter Verliebtheit und völliger Orientierungslosigkeit, die bei einem anderen Sprecher peinlich geworden wäre. Bei Herbst wird sie zärtlich.
Gesellschaftskritik im Kaninchenbau
Die Parallelstruktur zwischen dem Schicksal des Erdmännchenclans und gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten ist offensichtlich und wird nicht versteckt. Rezensentin Daniela Anders schrieb von « Migrationshin… » — der Satz bricht in der Bewertung ab, sagt aber genug. Matthies schreibt über Ausgrenzung, über die Angst vor dem Fremden und über die seltsame Logik von Territorium und Zugehörigkeit — und er tut es mit einer Leichtigkeit, die den didaktischen Impuls vollständig verbirgt.
Das ist die Qualität guter Satire: Sie macht Spaß, bevor sie nachdenklich stimmt. « Der Wald ruft » liefert beides in einem Verhältnis, das für 7 Stunden und 24 Minuten genau stimmt.
Ein Hinweis für Neulinge: Band 6 ist kein Einstiegspunkt. Man verpasst keine entscheidenden Hintergrundinfos, wenn man direkt hier beginnt, aber die Bindung an Rufus und Ray ist deutlich stärker, wenn man die Vorgeschichte kennt. Wer die Reihe noch nicht kennt, beginnt besser bei Band 1.