Auf einen Blick
- Sprecher: Jürgen Holdorf verleiht der neuen Heldengeneration eine kraftvolle Stimme und differenziert zwischen den jungen Charakteren deutlich genug, dass man nie den Überblick verliert.
- Themen: Vererbtes Schicksal, Dämonenjagd, Generationenwechsel im Epic Fantasy
- Stimmung: Weit und episch, mit dem vertrauten Sog der Reihe und frischen Charakterdynamiken
- Fazit: Für Fans der Dämonenzyklus-Reihe ein notwendiger Pflichtbesuch auf der Dracheninsel, aber definitiv kein Einstiegspunkt für Neuankömmlinge.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor ein paar Jahren das erste Buch des Dämonenzyklus begann und nicht mehr aufhören konnte. Peter V. Brett hat mit dieser Reihe eine Welt erschaffen, in der jede Nacht existenziell bedrohlich ist, in der magische Schutzzeichen über Leben und Tod entscheiden. Nach sieben Bänden mit Arlen, Renna und Jardir war ich ehrlich gesagt nicht sicher, ob eine Fortsetzung nötig wäre. Dann kam Der Prinz der Wüste, und ich habe es an einem langen Wochenende durch, die Ohrstöpsel fest im Ohr, Jürgen Holdorf als Begleiter durch gut dreißig Stunden Abenteuer.
Was mich zunächst überraschte, war die bewusste Entscheidung, die neue Generation in den Vordergrund zu stellen. Fünfzehn Jahre nach dem vermeintlichen Sieg über die Dämonen wächst eine Welt auf, die den alten Schrecken kaum noch kennt. In dieses Vakuum treten Olive, die Tochter von Leesha Paper, ihr Bruder Darin, Arlens Sohn, und Selen, Leeshas Schwester. Brett versteht sein Handwerk: Er baut zunächst Sympathien gezielt auf und wieder ab, was einige Leserinnen und Leser anfangs irritiert, sich aber als bewusstes Erzählprinzip erweist.
Wenn die nächste Generation die Fackel übernimmt
Der Generationswechsel ist selten einfach zu bewerkstelligen. Viele Reihen scheitern daran, dass die Nachfolger blasser wirken als ihre Eltern. Brett umgeht das Problem, indem er Olive, Darin und Selen keine schlichten Abbilder ihrer Vorfahren macht. Olive ist an vielen Stellen anstrengend, das räumen sogar begeisterte Rezensenten ein, aber sie ist es auf eine Art, die man kennt: aus dem wirklichen Leben, nicht aus dem Klischee. Wer die Geduld aufbringt, wird mit einer Figur belohnt, die sich über die Hörbuchlaufzeit sichtbar entwickelt.
Selen bringt eine andere Energie mit sich, ruhiger, beobachtender. Und Darin trägt die Last seines Vaters Arlen auf eine Weise, die den Fans der ersten Bände nahegeht. Brett weiß um diese emotionale Erwartungshaltung und spielt damit geschickt, ohne sie auszubeuten. Das ist handwerkliche Erzählkunst, und sie funktioniert im Hörbuchformat besonders gut, weil Holdorf die Charaktere stimmlich klug trennt.
Jürgen Holdorf und die Kunst der Geduld
Jürgen Holdorf ist seit Jahren die Stimme dieser Reihe, und man merkt, dass er die Welt kennt. Seine Darbietung ist nicht laut und theatralisch, sondern besonnen. Er liest die Kampfszenen mit einer kontrollierten Energie, die aufregend ist, ohne hektisch zu werden. Die ruhigeren Passagen, Dialoge zwischen Mutter und Tochter, Gespräche über Strategie und Angst, trägt er mit einer Wärme, die an die besten Momente der frühen Bände erinnert.
Was mir besonders auffiel: Holdorf beherrscht die Ich-Perspektive, die Brett in diesem Band einsetzt, überzeugend. Diese Erzählperspektive ist neu für die Reihe und erzeugt eine Unmittelbarkeit, die in einer Welt, in der Dämonen wieder auftauchen sollen, zusätzlichen Schauder erzeugt. Nicht alle Fans begrüßten diese Entscheidung, aber im Hörbuchformat funktioniert sie besonders gut, weil eine erzählende Stimme ohnehin Nähe schafft.
Was Bewunderer und Kritiker gemeinsam haben
Die Bewertungen sind eindeutig: Die meisten, die die ersten sieben Bände mögen, sind begeistert. Das offene Ende provoziert, wie immer bei Brett, gemischte Gefühle. Wer Abschlüsse braucht, wird frustriert sein. Wer die Reihe als laufendes Projekt versteht, das mit jedem Band eine neue Schicht freilegt, wird genießen, was hier angelegt wird.
Es gibt jedoch einen Kritikpunkt, den ich nicht verschweigen möchte: Ein Rezensent weist auf plötzliche Charakterveränderungen hin, die ohne Erklärung eingeführt werden. Das ist ein legitimes Anliegen. Brett nimmt sich Freiheiten mit Figuren, die man über Jahre aufgebaut hat, und das kann holprig wirken. Im großen Bogen der Erzählung mag es aufgehen, aber als Hörbuchhörerin, die die früheren Bände im Gedächtnis hat, war ich an einigen Stellen kurz aus dem Fluss gerissen.
Wer sollte zuhören, wer besser nicht
Hören Sie dieses Hörbuch, wenn Sie die Dämonenzyklus-Reihe von Anfang an kennen und sich nach dem siebten Band nach mehr gesehnt haben. Wenn Sie die Welt von Brett mögen, aber vielleicht ein paar Bände übersprungen haben, legen Sie zunächst die Lücken. Dieses Buch setzt nicht nur Figurenwissen, sondern emotionale Geschichte voraus.
Nicht empfehlenswert als Einstieg. Die Welt, die Figuren, die Beziehungen, sie alle haben ein Fundament aus tausenden von Seiten Vorgeschichte. Wer damit anfängt, wird zwar die Handlung verstehen, aber das emotionale Gewicht der Momente entgeht ihm vollständig.