Auf einen Blick
- Sprecher: Reinhard Kuhnert gibt Jaufré eine glaubwürdige Ich-Erzähler-Stimme, die durch alle Phasen des Romans trägt.
- Themen: Kreuzzug und Desillusionierung, Herkunft und Identität, Verrat in der Heimat
- Stimmung: Atmosphärisch und düster, mit langen Atemzügen in historischer Dichte
- Fazit: Ein historischer Roman, der zwei sehr unterschiedliche Welten mit Überzeugung schildert und dabei mehr psychologische Tiefe hat, als man zunächst erwartet.
Ich bin zu diesem Hörbuch gekommen, weil ein Kollege von mir seit Jahren von Ulf Schiewe schwärmt und mich schließlich gezielt auf Der Bastard von Tolosa hingewiesen hat. Schiewe, so der Kollege, sei der Beweis dafür, dass man im deutschen historischen Roman nicht immer zu Rebecca Gablé greifen müsse. Das ist ein großes Versprechen. Nach zweiunddreißig Stunden mit Jaufré Montalban, dem jungen Edelmann, der 1096 in den ersten Kreuzzug zieht und nach Jahren voller Schrecken zurückkehrt, nur um in der Heimat eine andere Art von Krieg vorzufinden, kann ich sagen: Das Versprechen hält.
Schiewe hat für diesen Roman sorgfältig recherchiert, das ist auf jeder Seite zu spüren. Die Belagerung von Antiochia, die Einnahme Jerusalems, die moralischen Abgründe, die sich auftun, wenn religiöse Überzeugung auf die Realität des Schlachtfelds trifft, das ist kein Kulissen-Mittelalter, sondern ein Versuch, die Welt des Jahres 1096 von innen heraus zu verstehen. Jaufré beginnt als überzeugter Kreuzfahrer und endet als ein Mann, der sich fragen muss, ob der Sinn, für den er alles gegeben hat, jemals existiert hat.
Zwei Romane in einem
Wer Rezensionen liest, wird feststellen, dass mehrere Leser diesen Roman als zwei getrennte Bücher beschreiben, die unter einem Deckblatt erschienen sind. Das ist nicht übertrieben. Der erste Teil spielt im Heiligen Land und ist ein Kriegsroman. Der zweite Teil spielt in und um Toulouse, in der Sprache der Zeit Tolosa, und ist ein politischer Intrigenroman um Jaufré Heimkehr, die wartende Ehefrau, die er nie geliebt hat, und das Rätsel seiner eigenen Herkunft, das ihm gefährlicher werden könnte als der gesamte Kreuzzug.
Diese Zweiteilung ist für manche Leser ein Bruch. Ich sehe es als strukturelle Entscheidung, die Sinn macht, auch wenn sie ungewohnt ist. Jaufré kehrt nicht als derselbe Mensch zurück, der aufgebrochen ist. Dass die Geschichte, die ihn erwartet, eine andere ist als die, die er hinter sich lässt, ist kein Zufallsprodukt, sondern Absicht.
Reinhard Kuhnert und die Ich-Erzählung
Ulf Schiewe hat diesen Roman in der Ich-Perspektive geschrieben, was für historische Romane selten ist und besondere Anforderungen an den Sprecher stellt. Reinhard Kuhnert nimmt diese Aufgabe ernst. Er liest Jaufré nicht als Helden und nicht als Opfer, sondern als Menschen, der versucht, ehrlich zu berichten, was er erlebt und was er dabei gefühlt hat. Das ist ein subtiler Unterschied zu einem Sprecher, der die Geschichte nur transportiert. Kuhnert scheint die Figur verstanden zu haben.
Die langen Beschreibungspassagen, in denen Schiewe die Landschaften des Heiligen Landes und der südfranzösischen Corbières schildert, sind in Textform möglicherweise riskant. Als Hörerlebnis funktionieren sie besser als erwartet, weil Kuhnert das Tempo hält und nie den Fehler macht, Landschaftsbeschreibungen mit weniger Energie zu lesen als Dialogszenen. Er ist ein Sprecher, der dem Gesamttext gleichmäßig dient.
Was diese Audible-Exklusivproduktion bietet
Der Bastard von Tolosa ist als ungekürzte Fassung exklusiv bei Audible erhältlich, was bedeutet, dass man die vollständigen zweiunddreißig Stunden bekommt, ohne Kürzungen, die viele historische Romane in anderen Formaten trifft. Das macht einen Unterschied. Schiewes Roman lebt von seiner Dichte, von den Details, die kein Anzeichen von Aufgeblasenheit sind, sondern das Fundament, auf dem die emotionalen Entscheidungen der Figuren stehen. Wer kürzt, verliert den Zusammenhang. Auch das beigelegte PDF mit Zusatzmaterial gehört zur Audible-Bibliothek und ergänzt das Erlebnis für alle, die historische Hintergrundinformationen zum ersten Kreuzzug und zur Region Occitanien schätzen.
Die Bewertung von 4,4 von 5 Sternen bei fast 850 Bewertungen ist für einen anspruchsvollen historischen Roman sehr solid. Es ist kein Buch für jeden, aber für alle, die historischen Romanen mit psychologischer Tiefe und sorgfältiger Recherche begegnen wollen, ist Der Bastard von Tolosa eine klare Empfehlung.