Auf einen Blick
- Sprecher: Robert Frank trägt die dunkle, stilisierte Welt von Kristoffs Nevernight mit sicherer Stimme und gutem Gespür für die Vielschichtigkeit der Hauptfigur.
- Themen: Rache und Opfer, Gladiatorenkampf und Sklaverei, Macht und Verrat
- Stimmung: Düster, brutal und erzählerisch vielschichtig
- Fazit: Band 2 der Nevernight-Trilogie steigert die Einsätze massiv, setzt aber die Kenntnis des Vorgängers voraus.
Ich habe « Das Spiel » an einem langen Sommerabend beendet, die Kopfhörer noch im Ohr, und saß einfach da. Nicht weil das Ende mich sprachlos gemacht hatte, sondern weil Robert Frank die letzten Kapitel mit einer Intensität gelesen hatte, die ich nicht loswerden wollte. Das ist die Wirkung, die große Fantasy-Hörbücher haben können. Man hört nicht zu, man ist dabei.
« Das Spiel » ist Band 2 der Nevernight-Trilogie von Jay Kristoff, und ich sage das gleich zu Beginn, weil es entscheidend ist: Wer den ersten Band, « Die Schule », nicht kennt, sollte hier nicht beginnen. Kristoffs Welt, die Gladiatorin Mia Covere, die Rote Kirche der Assassinen, die Wesen der Dunkelheit, das sind keine Konzepte, die man en passant erklärt bekommt. Sie sind aufgebaut worden. Hier werden sie eingesetzt.
Mias unmögliche Wette
Mia hat in Band 1 überlebt, was kaum jemand überlebt. Jetzt hat sie einen der drei Männer getötet, die für den Untergang ihrer Familie verantwortlich sind. Zwei bleiben. Kardinal Duomo und Konsul Scaeva. Beide sind unerreichbar, abgeschirmt, mächtig. Und die Rote Kirche, die Mia ausgebildet hat, schützt Scaeva offenbar selbst. Das ist die Ausgangslage, und sie ist bewusst auswegslos konstruiert.
Was Mia dann tut, ist die Grundlage für den gesamten zweiten Band: Sie verkauft sich in die Sklaverei, um als Gladiatorin an den Großen Spielen in Gottesgrab teilzunehmen. Dem Gewinner wird eine private Audienz beim Konsul versprochen. Das ist kein Plan, das ist eine Wette auf den Tod, und Kristoff macht keine Gewinnergarantien.
Die Arena als erzählerisches Werkzeug
Was Kristoff mit der Gladiatoren-Arena macht, ist strukturell klug. Sie ist nicht nur Setting, sie ist Metapher. Der blutige Sand der Arena entkleidet alle Figuren von ihren sozialen Rollen. Mia, die Assassinin mit Ausbildung und Dunkelmagie, wird zum Sklaven unter Sklaven. Ihre Gefährten in der Arena sind komplexe Figuren mit eigenen Überlebensstrategien und Loyalitäten. Kristoff nutzt die Enge der Sklaverei, um Mia auf eine Weise zu öffnen, die die Isolation der Roten Kirche nie hätte zulassen können.
Mehrere Rezensenten loben den Aufbau der Geschichte, den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit in Kapitelform, der Mias Motive und Entwicklungen greifbarer macht. Einer schrieb, der zweite Band führe noch tiefer in Mias düstere und brutale Welt. Ich würde ergänzen: Er macht sie auch verletzlicher, was ihn emotional dichter macht als den ersten Teil.
Robert Franks Leistung über fast 23 Stunden
Bei einem Hörbuch dieser Länge, knapp 23 Stunden, ist die Frage der Ausdauerqualität des Sprechers nicht trivial. Robert Frank hält durch. Was ihn auszeichnet, ist sein Gespür für die Metaebene des Buches. Kristoff schreibt mit einem ironischen Erzähler, mit Fußnoten, mit einem Ton, der gleichzeitig brutal ernst und dunkel komisch ist. Frank navigiert diese Vielschichtigkeit ohne das eine auf Kosten des anderen zu opfern. Er versteht, dass Mia keine Heldin ist, die man anfeuert, sondern eine Figur, der man zusieht.
Ein Rezensent merkte an, das Buch habe im Mittelteil ein paar Hänger, und ich sehe, was gemeint ist. Die Arena-Episoden bauen sich langsam auf, und Kristoff nimmt sich Zeit für die Nebenfiguren. Das ist keine Schwäche im strukturellen Sinne, aber es bedeutet, dass man als Hörer eine Weile wartet, bis die Geschichte ihre volle Geschwindigkeit erreicht. Ab dem letzten Drittel ist diese Frage obsolet.
Für wen dieser Band richtig ist und für wen nicht
« Das Spiel » ist für Leserinnen und Leser, die « Die Schule » kennen und Mias Geschichte weiterverfolgen möchten. Es ist für Fantasy-Hörer, die dunkle, stilisierte Welten mit brutalen Einsätzen schätzen und kein Problem mit moralisch ambivalenten Protagonisten haben. Es ist kein Einstiegspunkt in die Trilogie. Wer mit Band 1 anfängt und durchhält, wird in « Das Spiel » eine Geschichte finden, die Risiken eingeht, die andere Fantasy-Serien nicht wagen.