Auf einen Blick
- Sprecher: Ildikó von Kürthy liest selbst, und das macht den entscheidenden Unterschied: Ihr Timing und ihre Selbstironie gehen direkt in den Text ein.
- Themen: Romantische Komödie, weibliche Selbstbestimmung, Freundschaft als Rettungsanker, Liebeskummer mit Humor
- Stimmung: Leicht und herzhaft komisch, mit echten Gefühlen im Gepäck
- Fazit: Kein Anspruch auf große Literatur, aber genau das richtige Hörbuch für einen Nachmittag, an dem man lachen will und dabei ein bisschen gerührt werden darf.
Ich hatte keine großen Erwartungen. Knapp vier Stunden, eine Autorin, die ich aus Zeitungsspalten kannte, aber nie wirklich gehört hatte, und ein Titel, der nicht viel verspricht außer guter Laune. Was ich bekam, war ein Hörbuch, bei dem ich zweimal laut gelacht habe, einmal beinahe das Lachen vergaß und am Ende verstand, warum Ildikó von Kürthy seit Jahren eine treue Leserinnenschaft hat.
Das Besondere an Blaue Wunder ist, dass die Autorin es selbst liest. Und das ist, wie Rezensentin Dorothee Unger schreibt, frech, amüsant und spannend. Von Kürthy bringt etwas mit, das kein Hörbuchsprecher der Welt ersetzen kann: Sie weiß nicht nur, wie die Sätze klingen sollen. Sie weiß, warum sie so klingen sollen. Das ist der Unterschied zwischen einem Text, der vorgelesen wird, und einer Geschichte, die erzählt wird.
Elli, Erdal und ein romantischer Sanitärgroßhändler
Elli macht sich Sorgen. Das ist ihre Grundeinstellung. Abgesehen davon macht sie sich etwas zu essen, was laut von Kürthy seit über dreißig Jahren ihr hartnäckigster Begleiter nach Problemen und Hunger ist. Dann ist da Martin, der überraschend romantische Sanitärgroßhändler mit Dachterrasse, der sich in der Mitte dieser Verwunderung als bereits verlobt herausstellt. Was Elli daraufhin unternimmt, mit ihrem schwulen Mitbewohner Erdal und dessen Männerclique, ist so rührend wie absurd.
Von Kürthy liest diese Passagen mit einer Zungenfertigkeit, die man in Hörbüchern selten findet. Ihre Elli ist keine müde Erzählfigur, sie ist ein lebendiger Mensch, dessen Innenleben man in Echtzeit miterlebt. Die Szenen mit Erdal und seiner Clique haben eine Energie, die in der Lektüre hätte flacher wirken können. Gehört, mit von Kürtys Timing und Intonation, bekommen sie Witz und Wärme gleichzeitig.
Das Timing-Problem und wie von Kürthy es löst
Romantische Komödie lebt von Timing. Der Witz muss atmen können, die emotionalen Momente müssen geerdet sein, und der Wechsel zwischen beidem darf nicht holpern. Im Printformat liegt das beim Leser, der selbst bestimmt, wie schnell er durch den Text geht. Im Hörbuch liegt es beim Sprecher. Von Kürthy ist sich dieser Verantwortung sehr bewusst. Sie pausiert, wo eine Pause mehr sagt als ein Satz, und sie beschleunigt dort, wo Ellas Gedanken sich stapeln wie ungeöffnete Briefe.
Rezensentin fantafrau hebt die Schlüsselszene hervor, in der Martin sagt: Ich hatte den Eindruck, du hättest deine Entscheidung getroffen. Und zwar gegen Bielefeld und gegen uns. Und das habe ich akzeptiert. Und sie antwortet: Das hast du akzeptiert? Na bravo, Mister Obertolerant! In der Lektüre ist das schon witzig. Gehört, so wie von Kürthy den Meinungsunterschied zwischen Mann und Frau in zwei Sätzen auflöst, ist es schlicht präzise.
Ein Buch aus einer anderen Zeit, das nicht altert
Blaue Wunder ist kein neues Buch. Die ältesten Rezensionen stammen aus dem Jahr 2005. Was überrascht: Es klingt nicht veraltet. Die emotionalen Situationen, die Elli durchlebt, die Art, wie Frauen Anfang dreißig in romantischen Niederlagen feststecken und sich mit Humor daraus befreien, hat eine Zeitlosigkeit, die gutes Beziehungsschreiben immer hat. Von Kürthy beobachtet genau, und diese Genauigkeit hält.
Das Buch ist kurz. Drei Stunden und neunundvierzig Minuten sind für ein Hörbuch wenig Zeit. Aber von Kürthy füllt diese Zeit ohne Füllmaterial. Es gibt keinen Durchhänger, keine Szene, die man überspringen möchte. Fünf Rezensenten aus den Jahren 2005 bis 2024 bestätigen das übereinstimmend: Das Buch funktioniert, auch wenn es laut einer Rezensentin nicht das stärkste ihrer Werke ist. Für ein Hörbuch dieser Art, leicht und selbstironisch und bewusst nicht weltbewegend, ist das alles, was es braucht.
Für wen und für wen nicht
Wer Ildikó von Kürthy kennt und schätzt, findet hier ein verlässlich gutes Hörbuch. Wer sie noch nicht kennt, kann problemlos hier einsteigen. Blaue Wunder ist kein Serientitel, kein Mittelband, keine Verpflichtung. Wer dagegen Tiefgang, literarische Komplexität oder Gesellschaftskritik erwartet, liegt falsch. Das ist Wohlfühlkomödie, und das zu sein schämt sie sich nicht. Selbstnarration ist hier kein Bonus, sie ist das Produkt. Ohne von Kürtys Stimme wäre das ein anderes Buch.