Auf einen Blick
- Narration: Peter Lontzek meistert den altertümlichen Sprachduktus von 1898 mit großer Ruhe und Würde, ohne die fast 24 Stunden Laufzeit zum Geduldsspiel werden zu lassen. Eine reife Sprecherleistung für einen anspruchsvollen Klassiker.
- Themes: Erster Kontakt und kulturelle Überlegenheit, Freiheit versus Bevormundung, Pazifismus und Völkerverständigung
- Mood: Gemächlich und tiefgründig, gelegentlich von echter Spannung durchzogen
- Verdict: Wer sich auf den Rhythmus eines Klassikers aus dem Jahr 1898 einlassen kann, erwartet hier ein überraschend aktuelles Werk über Macht, Würde und den Willen zur Freiheit.
Es war ein Sonntagabend Ende Februar, als ich die ersten Kapitel von Auf zwei Planeten hörte. Ich hatte ehrlich gesagt niedrige Erwartungen. Einen deutschen Science-Fiction-Roman von 1898 muss man sich wollen. Aber nach einer Stunde war ich vollständig verloren in Kurd Laßwitz’ Welt, in der Marsianer am Nordpol der Erde landen und beschließen, die Menschheit unter ihre Schutzherrschaft zu stellen.
Laßwitz war kein Schriftsteller im romantischen Sinne, sondern Gymnasialprofessor für Physik und Mathematik in Gotha. Das merkt man. Die Technologien, die er erfindet, sind nicht fantastisch im Sinne von beliebig, sondern konsequent durchdacht. Solarenergie, Veränderung von Gravitationskräften, Kommunikationssysteme. Ein amerikanischer Rezensent fasste es treffend zusammen: Das ist Krieg und Frieden im Weltraum. Dieser Vergleich ist nicht übertrieben.
Ein Klassiker, der sich seinem Ursprung nicht schämt
Die Erzählstruktur beginnt gemächlich, fast schläfrig. Eine Nordpolexpedition, erste Begegnungen mit den Marsiern, zaghafte Kontaktaufnahme. Wer hier ungeduldig wird, sollte wissen, dass Laßwitz bewusst die Langsamkeit des frühen Kennenlernens zweier Zivilisationen ausbreitet. Die Spannung baut sich anders auf als im modernen Thriller. Sie entsteht durch philosophische Reibung, durch die Frage: Wer hat das Recht, eine andere Kultur zu führen, auch wenn die Absichten gut sind?
Das Buch wurde von den Nationalsozialisten verboten, weil es zu demokratisch, zu pazifistisch war. Zu sehr auf die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen ausgerichtet. Das ist keine Kleinigkeit. Laßwitz schrieb 1898 einen Roman über imperialistische Bevormundung, der auch gegen das kaiserliche Deutschland seiner eigenen Zeit gelesen werden kann.
Peter Lontzek und die Herausforderung der Sprache
Fast 24 Stunden Laufzeit mit einem Text aus dem späten 19. Jahrhundert. Das ist eine echte Aufgabe für jeden Sprecher. Lontzek löst sie mit Beharrlichkeit und Stilgefühl. Er gleitet nicht in eine musealisierende, übertrieben feierliche Vortragsweise, sondern bleibt eng am Text, lässt die Figuren sprechen ohne zu karikieren. Besonders in den Dialogszenen zwischen Menschen und Marsianern, wo sehr unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen, gelingt ihm eine behutsame Differenzierung.
Der altertümliche Sprachduktus von Laßwitz kann anfangs sperrig wirken. Lontzek macht daraus keine Barriere, sondern eine Zeitreise. Nach einer Weile hört man die Sprache des 19. Jahrhunderts nicht mehr als Hindernis, sondern als Textur, die dem Roman seine besondere Dichte verleiht.
Was 1898 so beunruhigend aktuell macht
Die Grundfrage, die Auf zwei Planeten aufwirft, ist erschreckend gegenwärtig. Darf eine technisch überlegene Zivilisation eine weniger entwickelte bevormunden, auch wenn ihre Absichten ehrenhaft sind? Laßwitz gibt keine einfache Antwort. Die Marsianer sind nicht böse, sie sind paternalistisch. Sie glauben wirklich, der Menschheit Segnungen zu bringen, und verstehen nicht, warum das nicht ausreicht. Das fühlt sich nicht nach Science-Fiction-Klischee an, sondern nach politischer Philosophie in Romanform.
Für wen ist dieses Hörbuch geeignet? Für alle, die bereit sind, sich auf 24 Stunden eines anderen Erzähltempos einzulassen, die Science-Fiction nicht nur als Actionvehikel lesen und am deutschen Kulturerbe des Genres interessiert sind. Laßwitz gilt mit Recht als Vater der deutschen Science-Fiction, und dieses Werk ist das Fundament, auf dem alles spätere aufgebaut hat. Wer moderne Spannungsbögen und kurze Kapitel braucht, wird unruhig werden. Das ist kein Mangel des Buches, sondern ein ehrlicher Hinweis. Auf zwei Planeten belohnt Geduld.
Häufig gestellte Fragen
Ist Auf zwei Planeten trotz seiner Länge von fast 24 Stunden durchgehend spannend?
Nicht im modernen Sinne. Die ersten Stunden sind bewusst gemächlich und entwickeln die Kontaktszenarien langsam. Die Spannung wächst mit dem politischen Konflikt zwischen den Zivilisationen. Wer sich auf den Rhythmus einlässt, wird belohnt.
Muss man Science-Fiction-Fan sein, um das Buch zu genießen?
Nicht unbedingt. Der Roman ist eher politische Philosophie in SF-Kleidern. Die Mars-Technologien sind interessant, aber das eigentliche Thema sind Freiheit, Selbstbestimmung und kulturelle Überlegenheit. Leser historischer Romane oder politischer Sachbücher werden sich gut aufgehoben fühlen.
Ist die Sprache von 1898 schwer verständlich als Hörbuch?
Die Sprache ist altertümlich und zunächst ungewohnt, aber Peter Lontzek trägt klar und ohne Scheu vor dem historischen Ton vor. Nach kurzer Eingewöhnung wird das Hörverstehen nicht zum Problem.
Warum wurde Auf zwei Planeten von den Nationalsozialisten verboten?
Laßwitz betonte in seinem Roman Pazifismus, Demokratie und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Damit stand das Buch in direktem Widerspruch zur NS-Ideologie. Es wurde als zu freiheitlich und zu antinationals empfunden.