Auf einen Blick
- Sprecher: Oliver Siebeck liest nüchtern und sachlich, was dem politischen Sachbuch gut steht, aber dem ohnehin schon knappen Porträt zusätzliche Wärme entzieht.
- Themen: Chinesische Machtpolitik, Xi Jinpings Biografie und Ideologie, globale Machtverschiebungen
- Stimmung: Informativ und westlich-analytisch, stellenweise oberflächlich
- Fazit: Ein solider Einstieg in das Thema Xi Jinping für Leser ohne Vorkenntnisse — wer tiefere Analyse sucht, sollte danach weiterlesen.
Es gibt Bücher, die man nicht lesen will, aber lesen muss. « Xi Jinping — der mächtigste Mann der Welt » von Stefan Aust und Adrian Geiges gehört für mich in diese Kategorie. Ich habe das Hörbuch an einem langen Wochenende gehört, an dem die Nachrichten wieder einmal voll von Meldungen über Taiwan, Handelsspannungen und chinesische Investitionen in europäische Infrastruktur waren. Oliver Siebeck sprach dabei ruhig und konzentriert, als würde er einen gut recherchierten Zeitungsartikel vorlesen.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beschreibung. Denn genau das ist dieses Buch: ein ausgebauter, gut lesbarer Zeitungsartikel von zwei erfahrenen Journalisten, von denen Stefan Aust als ehemaliger Spiegel-Chefredakteur und Geiges als Korrespondent in China nicht nur Reputation, sondern auch echte Feldkenntnis mitbringen. Die Frage ist, ob das für ein Buch reicht, das den Anspruch stellt, das Porträt eines der mächtigsten Menschen der Welt zu zeichnen.
Mehr China als Xi
Ein Kritikpunkt, der in den Rezensionen wiederholt auftaucht und den ich teile: Das Buch ist über weite Strecken eher ein kompakter Abriss chinesischer Geschichte und Politik seit dem Bürgerkrieg als eine echte Biografie. Xi Jinpings Kindheit, seine Jahre in der ländlichen Umerziehung während der Kulturrevolution, sein langsamer Aufstieg durch die Parteistrukturen — das wird zwar angesprochen, aber selten mit der Tiefe behandelt, die man sich wünscht.
Was die Autoren hingegen gut können: Kontext herstellen. Man versteht nach dem Hören, wie die Kommunistische Partei Chinas funktioniert, warum Xi eine Machtfülle akkumulieren konnte, die seit Mao nicht mehr gesehen wurde, und warum sein Kurs für den Westen so schwer einzuschätzen ist. Das ist wertvoll, auch wenn es bedeutet, dass Xi selbst manchmal hinter seiner eigenen Geschichte zurücktritt.
Oliver Siebeck zwischen Sachlichkeit und Distanz
Siebeck trägt dieses Material mit der Professionalität vor, die man von einem erfahrenen Sachbuch-Sprecher erwartet. Die Aussprache chinesischer Namen und Begriffe ist sorgfältig, was bei diesem Thema nicht selbstverständlich ist. Sein Ton ist durchgängig journalistisch-distanziert, was zur Haltung der Autoren passt, die weder China verherrlichen noch dämonisieren wollen.
Was dabei verloren geht: Ein Porträt eines Menschen braucht gelegentlich Nähe. Die Passagen über Xi Jinpings Frau Peng Liyuan, Chinas bekannteste Volkssängerin und WHO-Sonderbotschafterin, sind die humansten des Buches und damit auch die stärksten. Hier hätte ich mir mehr gewünscht. Siebeck liest auch diese Passagen mit gleichmäßiger Kühle, was nicht falsch ist, aber die Wirkung dämpft.
Was das Buch über seine eigenen Grenzen hinaus kann
Für jemanden, der sich noch nie ernsthaft mit chinesischer Geopolitik beschäftigt hat, ist dieses Hörbuch ein hervorragender Startpunkt. Man versteht danach die Seidenstraßen-Initiative, die Frage um Taiwan, die Rolle Chinas in der Pandemie und die ideologischen Grundlagen von Xis Herrschaft deutlich besser als vorher. Das ist nicht nichts. Es ist tatsächlich ziemlich viel für sieben Stunden Hörzeit.
Der Rezensent, der das Buch als « informative grobe Einordnung, aber keine Biografie » charakterisiert, hat recht. Aber vielleicht ist das auch der Punkt. Aust und Geiges schreiben nicht für Sinologen, sondern für das breite Publikum, das politisch interessiert ist und eine erste ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema sucht. In diesem Rahmen funktioniert das Buch gut.
Für wen dieses Hörbuch passt
Empfehlenswert für politisch interessierte Hörerinnen und Hörer, die einen strukturierten Einstieg in das Thema Xi Jinping und Chinas Aufstieg suchen, ohne sich durch akademische Literatur arbeiten zu wollen. Mit 7,5 Stunden Spielzeit ist es auch ein angemessener Zeitaufwand für den Wissenszuwachs.
Wer jedoch eine echte Biografie erwartet, eine intime Zeichnung des Menschen hinter der Machtfigur, wird enttäuscht sein. Ebenso diejenigen, die sich fundierte Quellenarbeit jenseits deutschsprachiger Primärquellen erhofften. Für weitere Tiefe empfehle ich, dieses Hörbuch als Einstieg zu nutzen und danach zu ergänzen.