Auf einen Blick
- Narration: Hanns Zischler verleiht Helmut Schmidts Reflexionen eine wuerdevolle Schwere, seine Stimme passt ideal zu dem nachdenklichen, bisweilen fast meditativen Ton des Textes.
- Themen: Demokratie als Prozess, Nachkriegserfahrung und politische Verantwortung, Bilanz eines Staatsmannes
- Stimmung: Besonnen und tiefgruendig, mit gelegentlichen Momenten erschreckender Aktualitaet
- Fazit: Ein Dokument politischer Reife, das heute ebenso relevant klingt wie bei seinem Erscheinen.
Ich habe Ausser Dienst an einem stillen Sonntagabend gehoert, mit dem vagen Gefuehl, dass ein Buch ueber das Ende einer Kanzlerschaft genau das Richtige fuer einen Tag war, der selbst etwas Abschliessendes hatte. Was ich nicht erwartet hatte: dass Helmut Schmidts Reflexionen so unmittelbar und unruhig klingend in die Gegenwart hineinragen wuerden.
Das Buch entstand nach Schmidts Ausscheiden aus dem Kanzleramt im Herbst 1982 und wurde mehrfach aktualisiert. Es ist kein politisches Memoir im klassischen Sinne, kein Rechtfertigungsbuch, kein Abrechnen mit Feinden. Stattdessen ist es das, was ein ernsthafter Mann nach einem langen Leben in der Politik schreibt: eine Bestandsaufnahme dessen, was war, was ist, und was kommen muss.
Die Bilanz eines Mannes, dem die Gegenwart niemals gleichgueltig ist
Schmidt schreibt ueber den Kalten Krieg, dessen Ende er erlebt hat, und ueber die Verwerfungen, die sich danach ergeben haben. Er schreibt ueber die Vereinigung Deutschlands, die er als eines der bedeutendsten Ereignisse seines Lebens betrachtet, und ueber die Verantwortung, die damit einhergeht. Er schreibt ueber Europa nicht als buerokratisches Konstrukt, sondern als historische Notwendigkeit.
Was dabei entsteht, ist ein Text, der seinen Leserinnen und Lesern nie schmeichelt. Schmidt ist nachsichtig, aber nicht nachgiebig. Er beschreibt Fehler, eigene und die der Politik im Allgemeinen, mit einer Ruhe, die fast beunruhigend wirkt. Ein Rezensent bemerkt treffend, wie erschreckend es sei, wie wenig aus der Geschichte gelernt werde. Schmidt wuerde zustimmen, und er wuerde wahrscheinlich hinzufuegen, dass das kein Grund zur Aufgabe sei.
Glaube, Zweifel und das Nachdenken ueber das Lebensende
Zu den eindringlichsten Abschnitten des Buches gehoeren die, in denen Schmidt ueber sich selbst spricht. Ueber pragende Kriegserfahrungen, die ihn nicht verbiessen, sondern praesentieren liessen. Ueber seinen Glauben, der nuechtern ist und von Zweifeln begleitet wird. Ueber das Lebensende, dem er sich mit einer sachlichen Ernsthaftigkeit naehert, die angesichts seines Alters zum Zeitpunkt des Schreibens ebenso beeindruckend wie ruehrend ist.
Hanns Zischler liest diesen Text mit der Wuerde, die er verdient. Seine Stimme hat Breite und Tiefe, er gibt den politischen Passagen Autoritaet und den persoenlichen Abschnitten etwas Zartes, ohne sentimental zu werden. Es ist eine Leistung, einem Text treu zu bleiben, dessen Ton so kontrolliert und zugleich menschlich ist.
Was dieses Hoerbuch von anderen Politikerbuechern unterscheidet
Die deutschen Bewertungen zeigen ein Bild, das ich erkenne: Es gibt keine leeren Lobhudeleien, aber echte Beschaeftigung mit dem Inhalt. Ein Rezensent schreibt, Ausser Dienst sei die bestlesbarste und interessanteste Publikation in der Flut der damaligen Politikermemoiren. Das ist verdienter Lob. Schmidt schreibt nicht fuer seinen eigenen Nachruhm. Er schreibt fuer Menschen, die Demokratie als Praxis verstehen wollen, nicht als Zustand.
Mit 6 Stunden und 36 Minuten ist das Hoerbuch kompakt genug, um an einem Tag gehoert zu werden. Wer nach politischer Philosophie sucht, die nicht abstrakt bleibt, sondern an real erlebten Ereignissen haengt, findet hier einen seltenen Text.
Fuer wen dieses Hoerbuch gedacht ist
Wer politische Geschichte aus erster Hand hoeren will, wer verstehen moechte, wie ein Staatsmann aus dem Zweiten Weltkrieg Europa als pazifistisches Projekt verstand, und wer sich fuer die inneren Ueberzeugungen eines der praegensten deutschen Politiker des 20. Jahrhunderts interessiert, sollte dieses Hoerbuch nicht ueberspringen. Wer hingegen unterhaltsame Anekdoten aus dem Politikbetrieb oder interne Zankereien erwartet, wird enttaeuscht sein. Schmidt hatte dafuer keinen Sinn.
Häufig gestellte Fragen
Ist Ausser Dienst eine politische Biografie oder eher ein Memoirenwerk?
Keines von beiden im klassischen Sinne. Schmidt selbst nennt es eine Bestandsaufnahme. Es verbindet persoenliche Reflexion mit politischer Analyse und philosophischen Betrachtungen ueber Demokratie, Glaube und das Lebensende.
Muss man Schmidts Kanzlerschaft kennen, um dem Buch folgen zu koennen?
Grundkenntnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte helfen, sind aber nicht zwingend. Schmidt erklaert die historischen Zusammenhaenge, in denen er agiert hat, ausreichend, um auch Leserinnen und Lesern ohne detailliertes Hintergrundwissen zugaenglich zu sein.
Wie behandelt Schmidt seine eigenen Fehler als Kanzler?
Offen und ohne Beschoenigung. Er nennt eigene Versaeumnisse beim Namen und vermeidet die in Politikerbiografien uebliche Selbstrechtfertigung. Diese Ehrlichkeit ist einer der meistgelobten Aspekte des Buches.
Warum klingt das Buch laut Rezensenten erschreckend aktuell?
Weil Schmidts Warnungen vor dem Aushoehlen demokratischer Institutionen, vor nationalem Eigeninteresse auf Kosten europaeischer Zusammenarbeit und vor dem Vergessen historischer Lektionen heute genauso Gueltigkeit beanspruchen wie zum Zeitpunkt des Schreibens.