Auf einen Blick
- Narration: Peter Bieringer liest präzise und ohne unnötige Dramatik, was dem historiografischen Charakter des Textes zugute kommt. Eine kluge Besetzungsentscheidung.
- Themes: Das Weiterlaufen der Geschichte nach dem Zusammenbruch, Massenschicksal und Einzelperspektive, das Nichts zwischen Krieg und Frieden
- Mood: Dicht, beklemmend und intellektuell fordernd
- Verdict: Eines der klarsten und dabei erschütterndsten Sachbücher über das Ende des Zweiten Weltkriegs.
Ich habe « Acht Tage im Mai » an drei aufeinanderfolgenden Abenden gehört, immer nach dem Abendessen, wenn es draußen dunkel wurde. Das war vielleicht keine kluge Entscheidung im Hinblick auf den Schlaf, aber es war die richtige für das Buch. Volker Ullrichs Text gehört in die Dunkelheit.
Es gibt eine bestimmte Art von Geschichtsbuch, die man nicht als Bildungsaufgabe erlebt, sondern als Sog. « Acht Tage im Mai » ist so eines. Ullrich, der Hamburger Journalist und Hitler-Biograph, nimmt sich genau den Zeitraum vor, den die meisten Standardwerke überspringen: die acht Tage zwischen Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 und der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai. Eine Woche, die historisch betrachtet eine Lücke ist. Erich Kästner nannte diesen Zustand in seinem Tagebuch das « Nichtmehr und das Nochnicht », und Ullrich macht aus diesem Etikett die Grundstruktur seines Buches.
Der 8. Mai als Moment ohne Datum
Was Ullrich in dieser Woche findet, ist erschütternd, weil es so widersinnig ist. Ein Regime, dessen Kopf tot ist, läuft weiter. Regierung Dönitz flieht nach Flensburg. Berlin kapituliert, aber in anderen Regionen wird weiter gekämpft. Wernher von Braun wird festgenommen. In bestimmten Regionen gibt es eine Selbstmordepidemie unter der Zivilbevölkerung, getrieben von Angst und nationalsozialistischer Propaganda. Konzentrationslager werden befreit, während andernorts Todesmärsche noch laufen. Es ist eine Gleichzeitigkeit von Entkommen und Schrecken, die auf dem Papier kaum zu fassen ist und als Hörbuch direkt in den Bauch trifft.
Eine Rezensentin beschreibt genau das, was mich auch bewegt hat: dass die meisten Bücher über das Kriegsende bei Hitlers Tod aufhören. Ullrich fragt: Was danach? Und die Antwort ist, dass das Danach genauso brutal und chaotisch war wie das Davor, nur ohne die Gewissheit eines Ziels.
Peter Bieringer und die Kunst des nicht dramatisierten Grauens
Peter Bieringer liest diesen Text so, wie man ihn lesen sollte: ohne Pathos, ohne inszenierte Betroffenheitspausen, ohne die Stimme für besonders bewegende Stellen anzuheben. Das ist die richtige Entscheidung. Ullrichs Quellenmosaik, 37 Seiten Anmerkungen, Tagebücher, Briefe, Erinnerungen, das trägt sein eigenes Gewicht. Es braucht keine zusätzliche akustische Unterstreichung. Bieringer ist ein Leser, der dem Text vertraut, und das hört man. Bei 9 Stunden und 43 Minuten ist das keine Kleinigkeit.
Was Recherche bedeutet, wenn sie so dicht ist
Eine Rezension, die ich besonders aufschlussreich fand, stammt von jemandem mit akademischem Hintergrund, der das Buch ausdrücklich als « intensive Fleißarbeit eines versierten Historikers » bezeichnet. Das klingt nach einem Vorbehalt, ist aber keiner. Ullrich ist kein Wissenschaftler, der in seiner Sprache forscht. Er ist Journalist, und das spürt man: Er schreibt für Menschen, die mitdenken wollen, nicht für solche, die Fußnoten zählen. Trotzdem ist die Quellenarbeit solide genug, dass ein Historiker die Bibliographie lobt. Das ist eine selten erreichte Balance.
Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die Einzelschicksale innerhalb des Panoramas. Ullrich wechselt bewusst zwischen der Makroperspektive, was Dönitz entscheidet, wo die Alliierten stehen, und der Mikroperspektive, was eine Familie in Thüringen am 5. Mai 1945 erlebt. Diese Montagetechnik ist das Gegenteil von trockenem Sachbuch. Sie ist das, was ein Rezensent meint, wenn er schreibt, das Buch lese sich fesselnder als mancher Thriller.
Wer dieses Hörbuch hören sollte
Jeder, der den Zweiten Weltkrieg nur bis zum 30. April 1945 kennt, braucht dieses Buch. Besonders empfehlenswert ist es als Hörbuch, weil Bieringers Vortrag die Dichte des Textes trägt, ohne sie zu verlängern. Weniger geeignet ist es für Hörer, die ein lineares Narrativ einer Person oder Seite erwarten. Ullrich erzählt Panorama, keine Heldengeschichte. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem der klarsten historischen Texte belohnt, die ich in diesem Format gehört habe.
Häufig gestellte Fragen
Ist « Acht Tage im Mai » auch für Hörer geeignet, die keine Vorkenntnis des Zweiten Weltkriegs haben?
Grundkenntnisse helfen, sind aber nicht zwingend. Ullrich erklärt die wichtigsten Zusammenhänge im Text selbst. Wer jedoch überhaupt nicht mit den Figuren und dem Kontext vertraut ist, wird manchen Passagen weniger folgen können als jemand, der die Chronologie des Krieges kennt.
Folgt das Buch einer einzelnen Hauptfigur oder ist es ein historisches Panorama?
Es ist ein Panorama. Ullrich springt zwischen Einzelschicksalen, politischen Entscheidungen und militärischen Ereignissen. Das ist bewusste Methode. Es gibt keine Hauptfigur im erzählerischen Sinne.
Wie vergleicht sich Peter Bieringers Lesung mit dem Leseerlebnis des gedruckten Buches?
Bieringer liest nüchtern und präzise, was dem sachlichen Charakter des Textes sehr entgegenkommt. Das gedruckte Buch hat den Vorteil der umfangreichen Anmerkungen und Bibliographie, die im Hörbuch nicht vollständig vorgetragen werden. Wer akademisch arbeitet, braucht das Printbuch zusätzlich.
Deckt das Buch auch die Situation in den besetzten Ostgebieten und auf sowjetischer Seite ab?
Ja. Ullrich beschreibt explizit Massenvergewaltigungen, wilde Vertreibungen und die Situation in befreiten Konzentrationslagern, die sich geografisch über verschiedene Regionen erstrecken. Das Buch endet nicht bei der Westfront.