Auf einen Blick
- Sprecher: Stephan Schad verleiht Florian Illies’ Prosa die nötige Eleganz und emotionale Tiefe, die dieses Familienportrait im Exil verdient.
- Themen: Exil und Heimatverlust, Familienzerreißproben, Literatur und Moral im Nationalsozialismus
- Stimmung: Melancholisch und präzise, mit einem Sommerlicht, das nichts verbirgt
- Fazit: Wer Illies’ Stil aus « 1913 » kennt und schätzt, wird dieses Buch über die Manns in Sanary als sein persönlichstes und berührendstes Werk erleben.
Es war ein warmer Abend Anfang März, als ich dieses Hörbuch zum ersten Mal einlegte, und die Ironie war mir sofort bewusst: Florian Illies schreibt über einen glühend heißen Sommer 1933, und ich höre es bei offenem Fenster in einem milden Frühling 2026. Sanary am Mittelmeer war während der Abschnitte fast physisch spürbar, das träge Licht, die Hitze, der Hafen. Und dann die Familie Mann, die in dieser Idylle steckt wie in einer goldenen Falle.
« Wenn die Sonne untergeht » ist Florian Illies’ jüngstes Werk, erschienen 2025, und es erzählt von drei Monaten im Leben der Familie Mann im Sommer 1933. Thomas und Katia Mann sind mit ihren sechs Kindern in Sanary gestrandet, nach Deutschland können sie nicht zurück, nach vorne ist der Weg versperrt. Die Nazis plündern ihr Haus in München. Klaus und Erika wollen den Vater zwingen, öffentlich mit Deutschland zu brechen. Thomas Mann schweigt. Und in diesem Schweigen liegt das eigentliche Drama des Buches.
Was Stephan Schad aus Illies’ Prosa macht
Stephan Schad ist der Sprecher der Wahl für Illies, und das nicht ohne Grund. Schon bei « 1913 » hat diese Kombination funktioniert, und bei « Wenn die Sonne untergeht » zeigt sie sich noch einmal von ihrer stärksten Seite. Schad besitzt eine Stimme, die Distanz und Wärme gleichzeitig ausstrahlen kann, was für Illies’ Stil wesentlich ist. Illies schreibt nicht mit Pathos. Er beobachtet. Er notiert. Er lässt die Ironie der Situation für sich sprechen, manchmal mit einem winzigen Satz, der alles zusammenfasst.
Schad versteht das und setzt es um. Er liest nicht, als würde er eine große Geschichte erzählen, sondern als würde er jemandem gegenübersitzen und berichten, was er über diese Monate herausgefunden hat. Das hat etwas Vertrautes, fast Intimes, das dem Material sehr gut steht. Gernot Lienert schreibt in seiner Rezension, das Buch sei anekdotenreich, witzig und leicht in tragischen Zeiten. Schad trägt genau diese Qualität in seiner Lesung durch.
Thomas Mann, das Denkmal, das nicht weiß, was es tun soll
Das Interessanteste an diesem Buch ist, was Illies mit Thomas Mann macht. Er zeigt ihn nicht als heroischen Exilanten, nicht als klugen Moralisten, sondern als Mensch, der sich nicht festlegen will, solange er noch hoffen kann, seinen Besitz zu retten und vielleicht zurückzukehren. Das ist eine Lesart, die unbequem ist und die Illies ohne moralisierenden Ton durchhält. Er urteilt nicht. Er zeigt.
Gleichzeitig sind die Kinder die eigentlichen Protagonisten des Bandes. Klaus und Erika, beide selbst bereits bekannte Figuren der Weimarer Kulturszene, stehen für eine Kompromisslosigkeit, die ihr Vater nicht aufbringt. Die Zerreißprobe zwischen Generationen, zwischen dem Pragmatismus des Überlebens und dem Absolutismus des Prinzips, ist das Herz des Buches. Illies schildert das mit einer Anekdotendichte, die nie erschlägt, aber immer informiert.
Stärken und ein Vorbehalt
Eine Rezensentin schreibt knapp: « Es gibt Besseres von Illies. » Das ist nicht ganz unverständlich. Wer « 1913 » als Referenz nimmt, einen Band, der ein ganzes Jahr Kulturgeschichte in Mosaikform abbildet, könnte « Wenn die Sonne untergeht » als enger und persönlicher empfinden. Der Fokus auf eine Familie, drei Monate, einen Ort, das ist Absicht, aber es schränkt auch ein. Wer Illies für seinen panoramischen Blick liebt, findet hier ein intimeres Buch.
Ich persönlich finde genau das überzeugend. Das Buch hat eine Disziplin, die Illies’ früheren Werken nicht immer eigen war. Es schweift nicht ab. Es bleibt bei Sanary, bei den Manns, bei diesem Sommer. Und in dieser Konzentration entfaltet es eine Wirkung, die nachhallt. Eine Leserin beschreibt das Bedürfnis, danach nach Sanary zu fahren. Ich kenne das Gefühl.
Wer sollte dieses Hörbuch hören?
Wer Florian Illies’ Stil kennt und verträgt, wird dieses Hörbuch schätzen. Wer nüchterne, literarische Sachprosa über die Exilzeit des Nationalsozialismus bevorzugt, ist hier besser aufgehoben als bei dramatisierenden Darstellungen. Wer Thomas Mann als Figur faszinierend findet, aber mit seinen Romanen wenig anfangen kann, findet hier einen sehr zugänglichen Einstieg in sein menschliches Bild. Wer hingegen Sachbücher mit klaren Thesen und analytischer Struktur sucht, wird mit Illies’ essayistischem, anekdotischen Stil nicht glücklich werden.