Auf einen Blick
- Sprecher: Jo Brauner liest ruhig und präzise, mit einer Reife, die dem Gewicht von Scholl-Latours Analysen angemessen ist.
- Themen: Geopolitik, Russland zwischen Ost und West, nationalistische Dynamiken
- Stimmung: Nachdenklich und beklemmend aktuell
- Fazit: Wer verstehen will, warum Russland so handelt wie es handelt, kommt an diesem Werk nicht vorbei.
Ich habe dieses Hörbuch an einem langen Novemberwochenende gehört, an dem die Nachrichten wieder einmal voll von Russland-Meldungen waren. Irgendwann mitten in der zweiten Stunde habe ich das Gefühl bekommen, dass Peter Scholl-Latour all das schon gewusst hat. Nicht als Prophet, sondern als jemand, der wirklich hingeschaut hat, jahrzehntelang, in Ländern und Regionen, die die meisten Journalisten nur vom Schreibtisch kennen. « Russland im Zangengriff » ist kein leichtes Hörbuch, aber es ist eines, das nachwirkt.
Scholl-Latour, der 2014 verstarb, gehört zur aussterbenden Gattung des Weltreporters alten Schlags. Er hat Kriege gesehen, Despoten interviewt, Armeen auf dem Marsch beobachtet. Dieses Werk fasst seine Erkenntnisse über Russland zusammen: ein Land, das von allen Seiten bedrängt wird, von der NATO-Osterweiterung, von islamischen GUS-Staaten im Süden, vom wachsenden chinesischen Einfluss im Osten. Der Zangengriff des Titels ist keine Metapher, die er leichtfertig wählt. Er meint sie wörtlich.
Eine Reise in die Grenzregionen
Der stärkste Teil des Werkes sind die Reiseschilderungen. Scholl-Latour ist in die verschiedenen Randgebiete Russlands gereist und bringt von dort keine sterilen Analysen mit, sondern Bilder und Begegnungen. Man sitzt dabei, wenn er in Tschetschenien spricht oder die muslimischen Regionen bereist. Diese unmittelbare Anschauung unterscheidet das Buch von den meisten politischen Sachbüchern, die sich auf Statistiken und Experteninterviews stützen. Hier spricht jemand, der die Menschen gesehen hat.
Jo Brauner trägt diese Reisen mit einer Ruhe vor, die gut zum Material passt. Er überwältigt nicht, dramatisiert nicht, wo das Thema selbst schon dramatisch genug ist. Seine Lesart ist die eines seriösen Vorlesers, der das Geschriebene ernst nimmt und dem Hörer Raum zum Nachdenken lässt. Über 16 Stunden und 20 Minuten ist das die richtige Entscheidung: Man braucht keine Stimme, die einen antreibt, sondern eine, die einen begleitet.
Was die Jahre bestätigt haben
Einige Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass das Buch streckenweise etwas zäh wirkt. Das kann ich nachvollziehen. Scholl-Latour schreibt in einem Stil, der manchmal breiter ausgreift als nötig, der Exkurse liebt und nicht immer die kürzeste Linie zum Punkt nimmt. Das ist der Preis, den man für Gründlichkeit zahlt. Wer schnelle Zusammenfassungen sucht, ist mit anderen Formaten besser bedient.
Doch wer sich die Zeit nimmt, bekommt etwas Selteneres: einen Denkrahmen. Scholl-Latours These, dass der Zangengriff zwangsläufig nationalistische Reaktionen hervorrufen wird, liest sich heute nicht mehr wie eine Prognose, sondern wie eine Diagnose der Gegenwart. Leserstimmen bestätigen das: « Fundiert, gut recherchiert und verständlich geschrieben, vermittelt es wertvolle Einblicke in aktuelle Machtkonstellationen », schreibt ein Nutzer. Ein anderer: « Er hat keine Kontaktangst und kennt keine Kontaktschuld, sondern hat einfach ein offenes Herz und ein offenes Ohr. » Beides trifft.
Scholl-Latour als Stimme, die fehlt
Es gibt eine spezifische Wehmut beim Hören dieses Werkes. Scholl-Latour fehlt. Nicht weil er immer recht hatte, nicht weil seine Schlussfolgerungen unfehlbar waren, sondern weil er eine Art des Hinsehens verkörperte, die im heutigen Medienbetrieb kaum noch Platz findet. Das Hörbuch ist also auch ein Dokument einer anderen Epoche des Journalismus, einer, in der Auslandskorrespondenten Zeit hatten, Länder wirklich zu verstehen, bevor sie über sie schrieben.
Richard Brauner, ich meine natürlich Jo Brauner, gibt diesem Dokument die richtige Fassung. Seine Stimme ist alt genug in ihrem Klang, um Autorität zu transportieren, ohne den Hörer zu bevormunden. Das ist nicht selbstverständlich bei einem Stoff, der leicht belehrend werden könnte.
Wer sollte zuhören, wer lieber nicht
Dieses Hörbuch ist genau das Richtige für alle, die die Russland-Berichterstattung in den Medien unbefriedigend finden und einen tieferen historischen Rahmen suchen. Ebenso für alle, die Scholl-Latours persönlichen Berichts-Stil schätzen. Wer dagegen eine knappe, aktuelle Lagebeschreibung der post-2022-Situation erwartet, wird enttäuscht: Das Buch ist vor dem Ukraine-Krieg entstanden und muss in seinem historischen Kontext gelesen werden. Als Gegenwartskommentar reicht es nicht aus, als Vorgeschichte für das Verständnis der Gegenwart ist es kaum zu ersetzen.