Auf einen Blick
- Sprecher: David Nathan ist eine der verlässlichsten Stimmen für dunkle Fantasy im deutschsprachigen Raum. Er gibt Monzcarros Rachefeldzug die nötige Schwere, ohne je ins Melodramatische zu kippen.
- Themen: Rache und ihre moralischen Kosten, Verrat und Loyalität, Anti-Heldentum
- Stimmung: Kompromisslos düster, schwarz-humorig, mit viel Sinn für das Absurde
- Fazit: Fast dreißig Stunden bestes Grimdark-Fantasy, das die Grenzen von Gut und Böse konsequent ignoriert. Exklusiv bei Audible.
Es gibt Hörbücher, die man irgendwo zwischen Kochen und Aufräumen nebenherlaufen lässt. Racheklingen war definitiv nicht so eines. Ich habe angefangen, zu Hause auf dem Sofa zu sitzen, und irgendwann, knapp vier Stunden später, hatte ich weder gekocht noch aufgeräumt. David Nathan hatte mich im Griff.
Joe Abercrombies Roman, im Englischen « Best Served Cold » betitelt, erschien 2009 und gilt heute als eines der prägnantesten Beispiele des Grimdark-Subgenres: Fantasy, die keine Helden kennt, nur verschiedene Grade von gebrochenen Menschen. « Racheklingen » folgt der Söldnerführerin Monzcarro Mercatto, die nach einem Mordanschlag durch den Großherzog mit gebrochenem Körper und einem einzigen Ziel überlebt: Rache an den sieben Männern, die bei ihrem Beinahemord beteiligt waren.
Monzcarro Mercatto und das Problem mit Protagonisten, die man schwer mag
Abercrombie verweigert seinem Roman die einfache Identifikationsfigur. Monzcarro ist keine sympathische Heldin, die Unrecht erleidet und Gerechtigkeit sucht. Sie ist kalt, berechnend, brutal, und sie war es schon vor dem Anschlag. Das ist eine bewusste Entscheidung des Autors: In einer Welt, in der niemand sauber ist, verdient auch die Protagonistin keine Sympathiefreibriefe.
David Nathan gelingt genau das, was schwierig ist: Er gibt Monzcarro eine Stimme, die weder zu warm noch zu eisig klingt. Sie ist menschlich genug, dass man 29 Stunden bei ihr bleibt, aber nicht so sympathisch, dass man ihre Handlungen aufhört zu hinterfragen. Nathan hat in Deutschland unzählige amerikanische Serien synchronisiert und bringt eine Präzision im Umgang mit Dialogen mit, die bei einem Ensemble-Roman wie diesem essentiell ist. Die verschiedenen Begleiter Monzcarros, Caul Shivers, Friendly, Morveer, klingen alle distinkt, ohne dass Nathan in Überzeichnung verfällt.
Ein Rache-Roman ohne die übliche Logik der Rache
Das Interessanteste an « Racheklingen » ist nicht die Handlung selbst, obwohl diese absolut mitreißend ist, sondern die Frage, die Abercrombie darunter vergräbt: Was richtet Rache an dem Menschen an, der sie ausübt? Jedes Kapitel kostet Monzcarro etwas. Nicht nur körperlich, sondern moralisch, emotional, relational. Die Männer, die sie tötet, sterben nicht einfach. Sie hinterlassen Lücken, Konsequenzen, Gegenreaktionen. Abercrombie spielt dabei mit den Erwartungen an das Genre auf eine Art, die ich so in der deutschen Übersetzung kaum je für möglich gehalten hätte, weil Rache-Narrative im Deutschen oft in eine moralisierende Tonlage kippen. Hier nicht.
Rezensent Andreas Herrmann brachte es in seiner Amazon-Bewertung auf den Punkt: « Am Ende mag man die am meisten, die man am Anfang hasst. » Das trifft es sehr genau. Die Charakterentwicklung, vor allem bei Caul Shivers, ist einer der stärksten Aspekte des Buches, und Nathan trägt sie über fast dreißig Stunden mit Konsequenz.
Kein Muss, die First-Law-Trilogie zu kennen, aber es lohnt sich
« Racheklingen » ist laut Verlag ein eigenständiger Roman, der in derselben Welt wie die First-Law-Trilogie spielt, sie aber nicht fortsetzt. Das ist korrekt, aber mit einer Einschränkung: Wer die Trilogie kennt, wird mehrere Anspielungen und Charakterreferenzen in einem anderen Licht lesen. Wer sie nicht kennt, verpasst diese Ebene, leidet aber nicht unter unverständlichen Handlungslücken. Ich hatte die Trilogie vorher nicht gehört und hatte keinerlei Verständnisschwierigkeiten.
Das Hörbuch ist ein Audible-Exklusivtitel und damit nur über Audible verfügbar. 29 Stunden und 32 Minuten sind eine ernsthafte Investition, aber keine, die sich leer anfühlt. Abercrombie schreibt keine Seiten, die sich wie Füllmaterial anfühlen, und Nathan liest keine, die sich so anfühlen.
Für wen diese fast dreißig Stunden gedacht sind
Grimdark-Fans werden hier exakt das bekommen, wofür das Subgenre steht: keine Kompromisse, keine einfachen Antworten, keine billigen Erlösungsmomente. Wer Fantasy vorrangig als eskapistisches Wohlfühlerlebnis konsumiert, wird sich unwohl fühlen. Wer aber einen Roman will, der sein eigenes Genre ernst genug nimmt, um seine Konventionen zu befragen, kommt an « Racheklingen » nicht vorbei.