Auf einen Blick
- Sprecher: Frank Arnold meistert die enormen 34 Stunden mit gleichbleibender Klarheit und einem sachlichen Ton, der dem wissenschaftlichen Charakter des Werks gerecht wird.
- Themen: Staatsgründung und Machtpolitik, Militarismus und Aufklärung, preußische Ambivalenz als europäisches Lehrstück
- Stimmung: Dicht und anspruchsvoll, aber nie ermüdend; ein Hörbuch zum aktiven Zuhören
- Fazit: Wer Deutschland verstehen will, kommt an diesem Werk nicht vorbei; für Geschichtsinteressierte ist es ein echtes Langzeitvergnügen.
Dieses Hörbuch habe ich mir in Etappen erarbeitet. Nicht weil es langweilig wäre, sondern weil fast vierunddreißig Stunden Christopher Clark ein Projekt sind, kein Konsumprodukt. Ich erinnere mich an einen langen Autobahnabschnitt Richtung Norden, irgendwo zwischen Hannover und Hamburg, als Frank Arnold mir gerade die Entstehung des Brandenburgisch-Preußischen Staates im siebzehnten Jahrhundert erklärte. Draußen zog flaches Land vorbei, und ich dachte: Genau hier. Genau durch diese Landschaften bewegt sich diese Geschichte.
Christopher Clark ist kein Unbekannter. Sein späteres Werk « Die Schlafwandler » über den Ersten Weltkrieg hat ihn einem breiten Publikum bekannt gemacht. Aber « Preußen » kam früher, und für viele Leser ist es das ausgefeiltere Buch. Clark, Australier mit tiefem Verständnis für die deutsche Geschichte, schreibt ohne die Verkrampfungen, die deutschen Historikern bei diesem Thema manchmal unterlaufen. Er ist weder apologetisch noch anklagend. Er ist analytisch, fair und außerordentlich präzise.
Kein Militärgeschichte-Buch, sondern ein Staatsporträt
Wer sich erhofft, hier detaillierte Schlachtbeschreibungen zu finden, wird eine Überraschung erleben, und zwar keine unangenehme. Clark interessiert sich für die inneren Strukturen des preußischen Staates: die Bevölkerungspolitik, die religiöse Toleranz der Hohenzollern, die Entwicklung einer Bürokratie, die effizient war, bevor Effizienz ein Wort für Unternehmensberater wurde. Ein Rezensent hat das kritisch angemerkt, aber ich halte es für eine der Stärken des Buches. Militärgeschichte gibt es reichlich. Eine kluge Analyse, wie ein armes Territorium ohne nennenswerte Bodenschätze zur europäischen Großmacht aufsteigt, ist seltener.
Frank Arnold hält diesen langen Atem über die gesamte Laufzeit. Ich hatte Bedenken, ob eine einzelne Sprecherstimme über vierunddreißig Stunden nicht ermüdet, aber Arnold schafft es, leichte Variationen im Ton zu halten, ohne jemals ins Dramatisierende zu verfallen. Bei einem Sachbuch dieser Dichte ist das genau richtig. Man will keine Performance, man will Klarheit.
Die Ambivalenz als roter Faden
Was Clark immer wieder herausarbeitet, ist die fundamentale Widersprüchlichkeit Preußens. Auf der einen Seite das pietistische Pflichtgefühl, die Idee des Staates als moralische Anstalt, die Religionsfreiheit als Staatsprinzip unter Friedrich dem Großen. Auf der anderen Seite der Militarismus, der Hang zur Selbstüberschätzung, das Versagen in der Weimarer Republik. Clark zeigt, wie sich diese Widersprüche nicht auflösen lassen, wie sie das Wesen des Staates bis zu seiner formellen Auflösung 1947 durchziehen.
Das ist kein triumphales Geschichtsbuch, aber auch kein Verdammungsurteil. Es ist eine sorgfältige Autopsie, die erklärt, wie Preußen werden konnte, was es war, und warum sein Verschwinden auch das Ende einer bestimmten europäischen Idee von Staatlichkeit bedeutete.
Der Aufwand lohnt sich
Ich will nicht verschweigen, dass dieses Hörbuch Konzentration verlangt. Man kann es nicht nebenbei hören. Wer versucht, Clark beim Bügeln oder beim Sport zu konsumieren, wird sich nach zwei Stunden fragen, wie das alles zusammenhängt. Das Buch ist für aufmerksame Stunden gemacht: im Auto auf langen Fahrten, am Abend mit einem Notizbuch in der Nähe. Ich habe tatsächlich zwischendurch immer wieder pausiert, um Dinge nachzulesen. Das ist kein Fehler des Buches, das ist der Beweis, dass es funktioniert.
Für alle, die das aktuelle politische Geschehen in Deutschland besser einordnen wollen, ist dieses Hörbuch ein außergewöhnlich gutes Mittel. Wer verstehen will, warum bestimmte Strukturen, Reflexe und Narrative in der deutschen Politik so hartnäckig sind, findet hier historische Erklärungen, die kein Leitartikel liefern kann.
Empfehlung und Vorbehalt
Für Einsteiger in die preußische Geschichte ist das Buch sehr gut geeignet, trotz seiner Tiefe. Clark hat die Fähigkeit, auch komplexe Sachverhalte so zu formulieren, dass sie zugänglich bleiben. Wer hingegen eine reine Kriegschronik erwartet oder ein populärgeschichtliches Infotainment-Erlebnis, wird enttäuscht. Das hier ist ernsthaftes Geschichtsschreiben, und Frank Arnold macht sehr gute Arbeit darin, es hörbar zu machen.