Auf einen Blick
- Sprecher: Jens Wawrczeck liefert eine konzentrierte, ernsthafte Leistung, die dem psychologischen Gewicht des Stoffs gerecht wird. Er hält die Spannung, auch wenn das Buch selbst sie nicht immer aufbaut.
- Themen: Sehvermögen und Verantwortung, Trauma und Verdrängung, die Frage nach Schuld
- Stimmung: Angespannt und introspektiv, mit langen Innenperspektiven
- Fazit: Ein solider Poznanki-Thriller mit interessanter Prämisse, der sein Tempo nicht immer hält. Für überzeugte Fans der Autorin trotzdem lohnend.
Es gibt Bücher, bei denen ich weiß, dass ich ihnen zu viel Vertrauen entgegenbrachte. Bei Ursula Poznanski ist das fast unvermeidlich. Wer « Erebos » oder die Anatolin-Reihe kennt, kommt mit einer bestimmten Erwartung an ihre Bücher. Ich höre « Oracle » an einem Wochenende, verteilt auf zwei Tage, und ich muss ehrlich sagen: Es war ein gemischtes Erlebnis, das trotzdem seinen Reiz hatte.
Die Prämisse ist stark. Julian sieht als Kind Marker auf Menschen, farbige Wolken und Nebel, die nur er wahrnehmen kann und die, wie er Jahre später entdeckt, mit dem zusammenhängen, was diesen Menschen zugestoßen ist. Das ist keine neue Idee, aber Poznanski setzt sie auf eine Art ein, die genug Ambiguität bewahrt, um das Gehirn zu beschäftigen.
Die Prämisse, die nicht loslässt
Was mich an « Oracle » wirklich interessierte, war die philosophische Grundfrage: Was bedeutet es, wenn die eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit der Welt nicht entspricht und gleichzeitig mehr Wahrheit enthält als das, was andere sehen? Julian nimmt über Jahre Medikamente, die seine Marker verschwinden lassen. Er lernt, diese Erfahrungen als Symptom zu betrachten, nicht als Information. Das Klassentreffen, das ihn zwingt, diese Überzeugung zu hinterfragen, ist der beste Moment des Buches: das Wiedersehen mit Verena im Rollstuhl, das leise Erschrecken, das in keinem Satz explizit benannt wird, aber im Hörformat durch Wawrczecks Sprechweise spürbar wird.
Jens Wawrczeck ist ein Sprecher, der versteht, was Subtext ist. Er übersetzt nicht, er vertraut darauf, dass die Zuhörerin mitdenkt. Das ist eine Qualität, die ich sehr schätze, und bei diesem Buch ist sie wichtig, weil vieles von dem, was interessant ist, unter der Oberfläche liegt.
Wo das Tempo ins Stolpern gerät
Eine Rezensentin schrieb, das Buch sei « sehr langatmig und ungewohnt einfallslos » für Poznanski-Verhältnisse, und ich verstehe, was sie meint, auch wenn ich das nicht ganz so hart formulieren würde. Es gibt Strecken, vor allem in der ersten Hälfte, in denen Julians Innenperspektive viel Raum einnimmt, ohne die Geschichte voranzubringen. Seine Selbstzweifel sind nachvollziehbar und psychologisch stimmig, aber sie werden mit einer Gründlichkeit ausgebreitet, die die Spannung drosselt.
Das ist eine Stilentscheidung. Poznanski möchte offensichtlich einen Protagonisten zeichnen, dem man Zeit lassen muss, ehe er in Bewegung kommt. Das funktioniert auf der Buchseite vielleicht besser als im Hörbuchformat, wo man nicht einfach ein paar Absätze überspringen kann. Wawrczeck meistert diese Passagen professionell, aber selbst ein guter Sprecher kann ein Tempoproblem nicht unsichtbar machen.
Poznanski als Autorin der offenen Fragen
Was die Autorin nach wie vor auszeichnet, ist ihr Gespür für Strukturen, die nicht zu früh auflösen. Die Frage, ob Julians Marker tatsächlich prophetisch waren oder ob es sich um eine Art nachträgliche Mustererkennung handelt, bleibt lange in der Schwebe, und das ist gut so. Poznanski moralisiert nicht. Sie stellt die Frage nach Schuld und Verantwortung, ohne eine bequeme Antwort zu liefern.
Die Figuren um Julian herum sind ordentlich gezeichnet, ohne besonders tief zu gehen. Verena als Figur hätte mehr Raum verdient. Das Klassentreffen als dramaturgisches Zentrum funktioniert, aber die anschließende Recherche, die Julian anstellt, ist erzähltechnisch manchmal etwas zäh strukturiert. Für Fans, die Poznanski kennen und schätzen, ist das immer noch ein lesenswerter Thriller. Für Einsteiger gibt es zugänglichere Einstiegspunkte ins Werk der Autorin.
Für wen dieses Hörbuch Sinn ergibt
Wer Poznanski bereits kennt und mag, wird hier auf solides Terrain treffen, auch wenn es nicht zu ihren stärksten Werken gehört. Wer psychologische Thriller mit einem leichten Übernatürlichkeitselement sucht, ohne dass das Buch in Richtung Fantasy kippt, findet hier eine interessante Prämisse. Und wer Jens Wawrczeck als Sprecher schätzt, bekommt eine verlässlich gute Performance.
Wer hingegen die rasante Spannung erwartet, die « Erebos » auszeichnete, oder ein hohes Erzähltempo, könnte unterwegs die Geduld verlieren. Die knapp elf Stunden sind gut investiert, wenn man bereit ist, sich auf ein Buch einzulassen, das seine Qualitäten in Nuancen zeigt, nicht in Lautstärke.