Auf einen Blick
- Sprecher: Rufus Beck ist für Pullman-Hörbücher wie gemacht. Seine Stimme trägt diese Welt aus Oxford, Dämonen und fliessendem Wasser mit einer Selbstverständlichkeit, die sofort vertraut klingt.
- Themen: Kindheit und Mut, eine Welt mit Tier-Dämonen, das Geheimnis um Baby Lyra
- Stimmung: Atmosphärisch und langsam aufbauend, wie ein Fluss kurz vor dem Hochwasser
- Fazit: Für alle, die die His-Dark-Materials-Trilogie lieben, ist das ein Pflichttermin. Einsteiger brauchen Geduld.
Ich erinnere mich noch genau, wann ich zum ersten Mal « Der Goldene Kompass » gelesen habe. Ich war sechzehn, es war Sommer, und ich habe das Buch in einem einzigen langen Wochenende durchgelesen. Diese Erinnerung ist seltsam körperlich, irgendwie verbunden mit dem Geruch von warmem Papier und dem Geräusch eines Ventilatorsim Hintergrund. Als « Über den wilden Fluss » erschien, die Vorgeschichte zu dieser geliebten Trilogie, war meine Erwartungshaltung also entsprechend beladen.
Ich hörte das Hörbuch über mehrere Abende, in kleinen Stücken, weil ich das Gefühl hatte, dass es diese Art der Lektüre verdient. Rufus Beck liest, und allein dieser Satz sagt eigentlich schon genug.
Was es bedeutet, Rufus Beck zuzuhören
Es gibt Sprecher, die eine Geschichte lesen. Und es gibt Sprecher, die eine Welt bewohnen. Rufus Beck gehört zur zweiten Kategorie, und bei Pullman zeigt sich das besonders deutlich. Er variiert Tempo und Tonlage mit einer Präzision, die nie kalkuliert wirkt. Als Malcolm, der elfjährige Protagonist, in der ersten Nacht des großen Hochwassers mit seinem Kanu « La Belle Sauvage » auf dem reißenden Fluss kämpft, ist Becks Stimme genau das richtige Instrument: angespannt, aber nie hysterisch. Er lässt die Stille genauso wirken wie den Lärm.
Besonders gelungen ist, wie er die Welt der Dämonen handhabt. Astas Wandlungen, die vielen Tiergestalten, die sie annimmt, weil Malcolm noch ein Kind ist und sein Dämon sich noch nicht festgelegt hat, werden durch leichte Nuancen in Becks Stimme spürbar, ohne dass er sie überdramatisiert. Das ist feines Handwerk.
Oxford vor dem Sturm
Philip Pullman nimmt sich Zeit. Das ist zugleich das Schönste und das Fordernste an diesem Buch. Die ersten Stunden spielen in einer fast idyllischen Version von Oxfords Parallelwelt, Malcolm hilft seinen Eltern im Gasthaus, besucht die Nonnen im Kloster auf der anderen Seite des Flusses, lauscht den Gesprächen Erwachsener, die er noch nicht ganz versteht. Es ist eine Kindheitswelt, die noch nicht weiß, dass sie kurz davor steht, auseinanderzufallen.
Die Bedrohung baut sich langsam auf. Die Magisterium-Schergen, die Liga der Heiligen Alexander, das Misstrauen und die Angst, die sich in Gesprächen ausdrückt, die Malcolm belauscht. Wer die Trilogie kennt, versteht sofort die Koordinaten dieser Welt. Wer hier einsteigt ohne Vorwissen, hat es etwas schwerer, weil Pullman nicht erklärt, sondern einfach erzählt. Die Dämonen, das Magisterium, Alethiometer, all das wird nicht eingeführt, sondern vorausgesetzt.
Das ist eine bewusste Entscheidung und ich respektiere sie. Aber ich würde jedem raten, der die His-Dark-Materials-Trilogie noch nicht kennt, dort zuerst anzufangen. « Über den wilden Fluss » gewinnt enorm durch das Vorwissen, das die Trilogie mitbringt, und ein Rezensent formulierte es treffend: Man taucht sofort in Pullmans tolle Welt ein und merkt, dass man dort nie wirklich weg gewesen ist.
Malcolm und Alice: Ein Duo, das wächst
Neben Lyra, dem Baby, um dessen Schutz sich die gesamte Handlung dreht, sind Malcolm und Alice die eigentlichen Herzen des Buches. Alice ist dabei die interessantere Figur, auch weil sie Pullman das ermöglicht, was er am besten kann: Menschen zeigen, die nach außen hartgesotten wirken und innen etwas ganz anderes tragen. Ihre Beziehung zu Malcolm entwickelt sich langsam, ohne romantische Beschleunigung, und das macht sie glaubwürdig.
Der Schurke Lord Boreal bekommt hier eine Hintergrundgeschichte, die man aus der Trilogie anders kennt. Das ist einer jener Momente, in denen « Über den wilden Fluss » für Kenner eine besondere Qualität gewinnt: Man sieht Figuren in einem früheren Stadium, erkennt die Keime von dem, was sie werden. Das ist befriedigend auf eine Art, die nur funktioniert, wenn man dem Autor vertraut, und bei Pullman ist dieses Vertrauen verdient.
Für wen, und für wen nicht
Fans der His-Dark-Materials-Trilogie werden hier gut aufgehoben sein, vorausgesetzt, sie bringen Geduld mit. Das ist kein Abenteuerroman mit Tempo von der ersten Minute an. Es ist ein langsam atmender, atmosphärischer Roman, der sein Hochwasser erst nach gut einem Drittel beginnt. Einsteiger ohne Vorwissen sollten zunächst mit « Der Goldene Kompass » beginnen. Die Verfilmungen, egal ob der Film von 2007 oder die BBC-Serie, sind kein Ersatz für die Bücher, wie ein Rezensent zu Recht anmerkt.
Mit 15 Stunden und 55 Minuten ist das ein langer Weg. Aber Rufus Beck macht diesen Weg zu einem, den man nicht abkürzen möchte.