Auf einen Blick
- Sprecher: Marietta Slomka liest ihr eigenes Buch mit der klaren, ruhigen Kompetenz einer erfahrenen Fernsehjournalistin; Peter Lontzek ergänzt mit angenehmer Wärme.
- Themen: Politische Bildung, Demokratie und Institutionen, gesellschaftliche Debatten
- Stimmung: Zugänglich und erhellend, locker im Ton ohne an Tiefgang zu verlieren
- Fazit: Wer Politik endlich mal ohne Angst vor Fachbegriffen verstehen will, findet hier einen ehrlichen Einstieg.
Es war ein Dienstagnachmittag, ich saß in der S-Bahn und scrollte lustlos durch mein Handy, als ich beschloss, einfach mal etwas anderes auszuprobieren. Ich hatte « Nachts im Kanzleramt » schon länger in meiner Bibliothek liegen, immer wieder verschoben, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, das sei eher etwas für Gymnasiallehrer oder politisch Engagierte. Nach zehn Minuten wusste ich: Ich hatte mich komplett geirrt.
Marietta Slomka, Anchorwoman des ZDF-heute journals und damit wohl eine der bekanntesten Politikvermittlerinnen Deutschlands, liest ihr eigenes Buch. Und das macht tatsächlich einen Unterschied. Wer Slomka aus dem Fernsehen kennt, wird ihre Stimme sofort wiedererkennen: ruhig, direkt, ohne aufgesetzte Begeisterung. Sie spricht so, als würde sie jemandem gegenübersitzen und einfach erklären, wie der Laden läuft. Kein Podium, kein Zeigefinger.
Politik erklärt, ohne einen das Gefühl zu geben, man habe zu lange geschlafen
Das Hörbuch stellt sich von Beginn an einer ehrlichen Frage: Warum trauen sich Erwachsene nicht mehr, zuzugeben, dass sie bestimmte politische Grundbegriffe nicht wirklich verstehen? Slomka beantwortet das nicht moralisch, sondern pragmatisch. Sie beginnt beim Grundvokabular — was ist eigentlich eine Partei, wozu brauchen wir den Bundesrat, wie entsteht ein Gesetz — und arbeitet sich von dort zu größeren Zusammenhängen vor. Das Tempo ist angenehm: nicht zu langsam für alle, die schon Vorkenntnisse haben, aber auch nie so schnell, dass man das Gefühl bekommt, etwas verpasst zu haben.
Was mir dabei gut gefällt, ist Slomkas Umgang mit aktuellen Schlagworten. « Fridays for Future », « Black Lives Matter », Populismus, Fake News — sie greift diese Begriffe auf, ordnet sie ein, ohne sie zu werten. Das ist keine einfache Leistung in einem Medium, das keine Fußnoten kennt. Sie schafft es, politische Einordnung anzubieten, ohne das Hörbuch zu einem Meinungsstück werden zu lassen. Reviewer V. Sch. schreibt: « Es ist kein trockener Politikwälzer, sondern leicht verständlich, pointiert und teilweise sogar witzig geschrieben. » Das trifft es gut.
Slomka und Lontzek: ein Duo, das sich nicht in den Weg steht
Peter Lontzek, einer der vielseitigsten deutschen Hörbuchsprecher, übernimmt Teile der Narration. Er klingt hier etwas zurückgenommener als in seinen Romanproduktionen, was absolut passt. Bei einem Sachbuch wie diesem wäre theatralische Dringlichkeit fehl am Platz. Lontzeks Beitrag sorgt für einen angenehmen Rhythmuswechsel, ohne dass man das Gefühl hat, zwei verschiedene Bücher zu hören. Die Übergänge zwischen beiden Stimmen wirken redaktionell durchdacht.
Bei zehn Stunden und neunzehn Minuten ist das Hörbuch für einen politischen Sachbuch-Titel durchaus umfangreich. Manche Abschnitte — gerade die zu internationalen Institutionen wie der EU oder den Vereinten Nationen — fühlen sich etwas verdichtet an, als wäre das ursprüngliche Buchmaterial für die Hörform nur teilweise angepasst worden. Wer zu einem bestimmten Thema tiefer einsteigen will, wird das Hörbuch ohnehin als Einstieg nutzen, nicht als Enzyklopädie.
Aufklärung ohne Bevormundung
Was mich an diesem Projekt am meisten überzeugt, ist die Haltung dahinter. Slomka schreibt — und spricht — ohne zu bevormunden. Sie setzt kein Vorwissen voraus, aber sie behandelt ihre Hörerinnen und Hörer auch nicht wie Schulkinder. Das ist seltener als man denkt. Politische Bildung leidet häufig darunter, dass sie entweder zu akademisch oder zu simplifizierend gerät. « Nachts im Kanzleramt » findet dazwischen einen glaubwürdigen Mittelweg.
Mit einer Bewertung von 4,2 Sternen bei fast 700 Rezensionen gehört dieses Hörbuch zu den verlässlicheren Titeln in diesem Genre. Reviewer Michael schreibt schlicht « Ganz wunderbares Buch, sehr zu empfehlen » — was zwar wenig analytisch ist, aber zeigt, dass das Buch auch bei Menschen ankommt, die keine Vorkenntnisse mitbringen. Und genau das ist der Anspruch.
Wer sollte hören, wer lieber nicht
Dieses Hörbuch funktioniert gut für alle, die das Gefühl haben, in Nachrichtensendungen vieles nur halb zu verstehen. Es eignet sich auch als Auffrischung für jemanden, der Politik zwar nicht fremd ist, aber die institutionellen Grundlagen nie wirklich systematisch durchdrungen hat. Wer bereits regelmäßig Fachbücher zur Politikwissenschaft liest oder selbst in der Branche arbeitet, wird hier wenig Neues finden. Auch wer ein parteipolitisch klares Buch sucht, das Position bezieht, wird enttäuscht — das ist bewusst kein solches Buch.