Auf einen Blick
- Sprecher: Matthias Ernst Holzmann liest flüssig und klar, mit einer Stimme, die dem polemischen Tonfall des Textes Gewicht verleiht, ohne ihn zu überhöhen.
- Themen: Migrationspolitik, Bilanz der Ära Merkel, politische Polemik aus österreichisch-rechtskonservativem Blickwinkel
- Stimmung: Konfrontativ und anklagend, mit bewusst zugespitzter Rhetorik
- Fazit: Ein dezidiert einseitiges politisches Pamphlet, das seine Prämissen nicht hinterfragt. Wer eine ausgewogene Analyse der Merkel-Jahre sucht, wird hier enttäuscht.
Ich nehme politische Bücher von allen Seiten des Spektrums zur Hand. Das gehört zum Job, und ich halte es für notwendig zu verstehen, was Menschen lesen und warum. « Merkels Werk » von Gerald Grosz habe ich auf einer langen Zugfahrt gehört, sieben Stunden und siebenundzwanzig Minuten, gelesen von Matthias Ernst Holzmann. Was mich interessierte: Wie klingt politische Polemik, wenn sie gut gesprochen wird? Und was hat dieses Buch, das die Ära Merkel schonungslos abrechnet, jenseits der offensichtlichen Agenda zu bieten?
Grosz ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war Pressesprecher des österreichischen Vizekanzlers Herbert Haupt und Nationalratsabgeordneter, ist heute Unternehmer und politischer Kommentator mit großer Reichweite im deutschsprachigen Raum. Das Buch ist sein Versuch, zehn Jahre nach Angela Merkels Satz « Wir schaffen das » eine Bilanz zu ziehen. Die Interview-Gäste, die er dabei zu Wort kommen lässt, darunter Václav Klaus, Hans-Georg Maaßen, Herbert Kickl und Tino Chrupalla, machen unmissverständlich klar, wo das Buch politisch steht.
Was der Text zu leisten versucht
Grosz strukturiert sein Argument um konkrete Fälle: den Wiener Schuldirektor Christian Klar, der über veränderten Schulalltag berichtet, Eltern von Mordopfern, die zu Wort kommen, politische Zahlen und Aussagen, die er als Belege für das Scheitern der Willkommenskultur präsentiert. Die Methode ist die des Anwaltsschriftsatzes, nicht die des Historikers. Es geht nicht um Abwägung, sondern um Überzeugung.
Matthias Ernst Holzmann liest das mit einer Gravität, die dem Text dienlich ist. Er übertreibt nicht, lässt die Formulierungen wirken, ohne sie stimmlich aufzuladen. Für ein Buch, das von seiner Rhetorik lebt, ist das die richtige Wahl: ein Sprecher, der die Worte trägt, ohne sie zu kommentieren.
Das Problem mit der Methode
Wer journalistische Ausgewogenheit oder historische Sorgfalt erwartet, wird dieses Buch schnell frustrierend finden. Grosz wählt seine Stimmen, seine Fakten und seine Rahmung so, dass sie sein Ausgangsargument bestätigen. Gegenstimmen, differenzierte Positionen zur Flüchtlingspolitik, die positiven wirtschaftlichen Effekte von Migration, die Komplexität der humanitären Ausgangslage von 2015 sucht man vergebens. Das ist als Entscheidung legitim für ein politisches Manifest, aber es ist eine Entscheidung, die das Buch strukturell von einer ernsthaften Analyse trennt.
Die hohen Bewertungen auf Amazon, bei fast 660 Rezensionen ein Durchschnitt von 4,6 Sternen, kommen erkennbar von einem Publikum, das die Ausgangsthesen teilt. Wer dieselben Prämissen mitbringt, findet hier eine gut lesbare, emotional aufgeladene Bestätigung. Wer die Prämissen nicht teilt, liest dasselbe Buch als gut produziertes Pamphlet.
Was ich als Rezensentin empfehlen kann
Ich empfehle dieses Hörbuch nicht als ausgewogene Informationsquelle zur deutschen oder österreichischen Migrationspolitik. Wer die Ära Merkel verstehen möchte, ist mit Christoph Heusgen oder den zeitgeschichtlichen Bänden von Stefan Kornelius besser bedient. Wer politische Rhetoriker aus dem rechtskonservativen Lager des deutschsprachigen Raums in Buchform kennenlernen möchte, findet hier ein gut produziertes Beispiel des Genres.
Als Hördokument ist es technisch einwandfrei. Holzmanns Lesung ist professionell, die Produktion klar. Der Ärger, den manche Rezensenten über gelöschte Bewertungen äußern, deutet auf eine polarisierte Debatte um das Buch selbst hin, die zeigt, wie aufgeladen das Thema geblieben ist. Das ist vielleicht die ehrlichste Aussage, die ich über dieses Hörbuch machen kann: Es existiert in einem Raum, wo das Zuhören selbst zum politischen Statement geworden ist.