Auf einen Blick
- Sprecher: Björn Thorsten Leimbach liest sein eigenes Buch, was dem Ganzen eine direkte, fast coaching-artige Qualität verleiht. Wer einen akademisch distanzierten Vortrag erwartet, wird überrascht sein, wie persönlich und manchmal konfrontativ die Lesart klingt.
- Themen: Männliche Identität und Selbstverantwortung, emotionale Unabhängigkeit, psychologische Grundlagen von Partnerschaften
- Stimmung: Aufweckend und direkt, mit einem Appell-Charakter
- Fazit: Ein Selbsthilfe-Hörbuch, das bewusst provoziert und damit sowohl treue Fans als auch entschiedene Kritiker findet. Wer offen für eine unbequeme Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern ist, bekommt konkrete Impulse. Wer geschlechtertheoretische Differenzierung erwartet, wird frustriert sein.
Ich bin an dieses Hörbuch herangegangen wie an einen langen Spaziergang durch unbekanntes Terrain: neugierig, aber mit dem festen Vorsatz, die Landschaft zu beschreiben, wie sie ist, und nicht, wie ich sie mir vorstelle. Björn Thorsten Leimbach hat mit « Männlichkeit leben » ein Sachbuch geschrieben, das in der Rezeptionslandschaft eine seltsame Spaltung erzeugt: Entweder man empfindet es als lange überfälligen Weckruf oder als zu grob gezeichnetes Bild. Beide Reaktionen sind verständlich.
Mit elf Stunden und fünfzig Minuten ist es das längste Hörbuch in diesem Batch, und Leimbach nutzt diese Zeit, um sein Argument von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Er selbst spricht den Text, was eine Besonderheit ist, die die Rezeptionserfahrung erheblich prägt.
Was der Autor unter Männlichkeit versteht
Leimbach beginnt mit einer Diagnose: Zu viele Männer, argumentiert er, leben in emotionaler Abhängigkeit von Frauen, ohne sich dieser Abhängigkeit bewusst zu sein. Er beschreibt den Typus des « Netten Kerls », den sogenannten Nice Guy, der Zuneigung durch Anpassung verdienen will und dabei sowohl seine eigene Identität als auch seine Partnerschaften beschädigt. Das ist kein neues Argument in der Selbsthilfeliteratur. Warren Farrells ältere Arbeiten, Robert Glover mit « No More Mr. Nice Guy » oder auch Jordan Petersons zwölf Lebensregeln berühren verwandte Territorien. Leimbach schreibt aber erkennbar aus einer deutschen Perspektive und versucht, praktische psychologische Handlungsanweisungen zu geben, die sich aus seiner therapeutischen Praxis speisen.
Die Stärke des Buches liegt in dieser Praxisnähe. Wenn er konkrete Muster beschreibt, wie Männer lernen können, Grenzen zu setzen, Verantwortung zu übernehmen oder ein positives Verhältnis zu ihrer eigenen Durchsetzungskraft zu entwickeln, dann klingt das nicht nach abstraktem Konzept, sondern nach gelebter Beobachtung. Rezensent Klaus Popp schreibt, das Buch werbe nicht für Patriarchat oder Machismo-Rollbilder, und das ist fair. Leimbach grenzt sich explizit von solchen Interpretationen ab.
Der Autor als Sprecher: Vorteil oder Grenze?
Dass Leimbach seinen eigenen Text vorliest, ist eine Entscheidung mit spürbaren Konsequenzen. Die Energie, die er mitbringt, ist die eines Coaches in einer Einzelsitzung: direkt, persönlich, manchmal repetitiv im Ton, weil er sicherstellen will, dass der Kern ankommt. Das wirkt in den ersten Stunden erfrischend unmittelbar. Gegen Mitte des Hörbuchs kann es allerdings monoton werden, besonders in den Passagen, in denen er ähnliche Gedanken leicht variiert wiederholt.
Ein professioneller Sprecher hätte dem Rhythmus wahrscheinlich mehr Abwechslung verliehen. Andererseits hätte das genau jene persönliche Direktheit genommen, die viele Rezensenten als die eigentliche Stärke des Hörerlebnisses beschreiben. Es ist eine Abwägungsfrage, die jeder Hörer für sich beantwortet.
Was das Buch nicht leistet und auch nicht vorgibt zu leisten
Rezensentin Dr. Ilona Banet weist in ihrer detaillierten Bewertung auf eine interessante Frage hin: Was kommt nach dem Krieger? Das Buch zeigt, wie man aus emotionaler Abhängigkeit herausfindet und Stärke entwickelt, aber es gibt wenig Orientierung für das, was danach kommt. Wie geht ein starker, selbstbewusster Mann mit anderen starken Menschen um? Wie sieht Partnerschaft aus, wenn beide Partner eigenständig sind? Diese Anschlussfragen bleibt Leimbach weitgehend schuldig.
Wer eine nuancierte geschlechtertheoretische Debatte erwartet, die Queerness, fluide Identitäten oder postfeministische Perspektiven einschließt, sucht im falschen Regal. Leimbach schreibt explizit für heterosexuelle cis-Männer, die sich mit ihrer männlichen Identität auseinandersetzen möchten, und innerhalb dieses klar abgegrenzten Rahmens ist das Buch kohärent und konsequent.
Für wen ist dieses Hörbuch gedacht
Leimbach selbst schreibt, sein Buch solle Männer aufrütteln, und das gelingt. Es ist kein akademisches Werk, es ist ein Impuls. Wer als Mann das Gefühl kennt, in Beziehungen sich selbst zu verlieren, immer der Angepasste zu sein oder nie ganz zu verstehen, warum die eigene Freundlichkeit nicht die erhoffte Wirkung hat, dem bietet dieses Hörbuch einen Spiegel und konkrete Werkzeuge. Ob man diese Werkzeuge sinnvoll findet, hängt davon ab, wie weit man Leimbachs Grundannahmen über Männlichkeit teilt.
Die fast durchweg positive Resonanz mit 4,6 bei 633 Bewertungen zeigt, dass es eine echte Zielgruppe gibt, die dieses Buch als wertvoll empfindet. Rezensent ToLa schreibt, es sei für seine Entwicklung als Mann der Ausgangspunkt gewesen. Das ist kein kleines Lob.