Auf einen Blick
- Sprecher: Pegah Ferydoni verleiht Morgan eine innere Stärke und Verletzlichkeit, die diesen zweiten Band trägt.
- Themen: Feministische Artus-Nacherzählung, Machtkampf am Königshof, Mutterschaft und Freiheit
- Stimmung: Episch und scharfsinnig, mit viel emotionalem Gewicht
- Fazit: Wer den ersten Teil geliebt hat, findet hier eine noch nuanciertere Fortsetzung, die die Figuren wachsen lässt.
Fast sechzehn Stunden für ein Hörbuch zu reservieren ist für mich keine Entscheidung, die ich leichtfertig treffe. Bei « Le Fay », dem zweiten Band von Sophie Keetchs Trilogie über Morgan le Fay, war die Entscheidung trotzdem schnell getroffen. Den ersten Band « Morgan ist mein Name » hatte ich letzten Winter in zwei Tagen durchgehört, und als ich merkte, dass der zweite Teil nun auch auf Deutsch vorliegt, war klar, dass er sofort auf meine Liste kommt.
Der Einstieg ist unmittelbar. Wir befinden uns in Camelot, Morgan hat sich aus ihrer unglücklichen Ehe befreit und scheint endlich angekommen zu sein: an der Seite ihres Bruders König Arthur, anerkannt als Beraterin, als Teil seines engsten Vertrauenkreises. Keetch lässt uns kaum Zeit, das zu genießen, bevor die nächste Schicht Komplexität beginnt.
Wenn Camelot kein sicherer Hafen ist
Was Keetch so gut kann, ist die Konstruktion von Machtverhältnissen, die gleichzeitig politisch und persönlich sind. Morgans rachsüchtiger Ehemann kämpft darum, den gemeinsamen Sohn zurückzuholen. Guinevere und sie befinden sich in einem Konflikt, der weit über persönliche Antipathie hinausgeht. Merlin ist gefährlich, und doch muss sie sich auf ihn einlassen. Dieser Roman zeigt, wie es sich anfühlt, intelligent und fähig zu sein und trotzdem immer wieder in Systeme gesperrt zu werden, die einen nicht für voll nehmen.
Das klingt nach Theorie, liest sich aber wie ein spannend konstruierter Machtthriller in mittelalterlichem Gewand. Keetch hat ein gutes Gespür dafür, wo sie Tempo macht und wo sie langsamer wird, um eine Szene zu vertiefen. Der zweite Band ist laut mehreren Leserinnen und Lesern deutlich spannender und nuancierter als der erste, und ich schließe mich dieser Einschätzung an.
Pegah Ferydoni und die Frage der Verkörperung
Pegah Ferydoni kennt man aus Film und Fernsehen, und ihre Herangehensweise an diesen Text ist entsprechend: Sie spielt, nicht nur liest. Morgan bekommt durch sie eine Stimme, die gleichzeitig Erschöpfung und Entschlossenheit transportieren kann, manchmal innerhalb eines einzigen Satzes. Das ist keine triviale Leistung bei einem so langen Text.
Besonders gut funktioniert Ferydoni in den Szenen, in denen Morgan innerlich zerrissen ist: zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der Angst um ihren Sohn, zwischen dem Misstrauen gegenüber Merlin und der Notwendigkeit, sich auf ihn einzulassen. Diese inneren Konflikte klingen bei Ferydoni nicht aufgesetzt, sondern real. Das ist das Entscheidende.
Band zwei eines laufenden Projekts
Wer hier einsteigt, ohne den ersten Band zu kennen, wird sich verloren fühlen. Keetch setzt vieles voraus. Das ist keine Schwäche, aber ein klarer Hinweis: Man sollte wirklich mit « Morgan ist mein Name » anfangen. Wer das getan hat, wird in « Le Fay » eine Fortsetzung finden, die das Versprechen des ersten Teils einlöst und dann noch etwas drauflegt.
Die Trilogie ist abgeschlossen bis auf den letzten Teil, und nach diesem Ende weiß ich, dass ich auf den dritten Band warten werde. Keetch hat eine Geschichte erzählt, die die Artus-Legenden nicht einfach umschreibt, sondern aus einer Perspektive betrachtet, die diese Legenden jahrzehntelang ignoriert haben. Das ist kein kleines Unterfangen, und sie meistert es.
Für wen diese Trilogie gedacht ist
Wer feministische Nacherzählungen klassischer Stoffe schätzt, wie etwa Madeline Millers « Circe » oder « Das Lied des Achilles », wird sich in Keetchs Welt sofort zuhause fühlen. Auch Hörerinnen und Hörer, die historische Fantasywelten mit starken weiblichen Figuren mögen, sind hier gut aufgehoben. Für Artus-Fans, die eine wortwörtlich treue Version der Legenden wollen, ist das hingegen das falsche Buch. Keetch interpretiert, und das mit vollem Bewusstsein.