Auf einen Blick
- Sprecher: Matteo Callmann gibt beiden Protagonisten unterschiedliche Energie und trifft den Mix aus Herzklopfen und Weihnachtssentimentalität überzeugend.
- Themen: Bisexuelle Entdeckung, Dating-App-Kennenlernen, weihnachtliches Slow-Burn-Romance
- Stimmung: Warm und prickelnd, mit emotionalen Ausschlägen nach oben und unten
- Fazit: Ein gelungener MM-Liebesroman für alle, die romantische Weihnachtsgeschichten mit queerer Perspektive und einem befriedigenden Happy End suchen.
Es war ein langer Novemberabend, an dem ich eigentlich etwas ganz anderes hören wollte. Irgendwie landete ich trotzdem bei Jordan Wards « Jared: Besinnliche Neugier », und dann war es plötzlich Mitternacht. Das passiert mir mit guten MM-Romanen öfter als mir lieb ist, und ich sage das ohne ein schlechtes Gewissen.
Jordan Ward ist im deutschsprachigen MM-Romance-Bereich ein Name, der bei Leserinnen und Lesern des Genres sofort ein Nicken auslöst. Die « Secret Desire »-Reihe hat eine treue Fangemeinde, und « Jared: Besinnliche Neugier » ist der erste Band, auch wenn er als eigenständige Geschichte funktioniert. Das ist eine Entscheidung, die ich als Hörerin grundsätzlich schätze: Man wird nicht als Seriengeiselin gehalten.
Eine App, ein Pseudonym, und sehr viel Anziehung
Die Ausgangssituation ist so einfach wie wirkungsvoll: Jared ist neugierig auf seine bisexuelle Seite und meldet sich bei einer Dating-App an. Dort begegnet er B_a_rockstar, einem Unbekannten, dessen Nachrichten ihn mehr beschäftigen als erwartet. Wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, ist für erfahrene Romanleserinnen recht früh absehbar, aber das ist kein Makel, das ist das Genreversprechen. Wer MM-Romance hört, hört nicht für die Überraschung, sondern für den Weg.
Und dieser Weg funktioniert hier sehr gut. Ward baut die Spannung zwischen Jared und Benson mit Geduld auf. Benson ist derjenige, der sich gegen echte Gefühle sperrt, wegen vergangener schlechter Erfahrungen, während Jared zunehmend merkt, dass ein unverbindliches Arrangement mit jemandem, der ihn so beschäftigt, eigentlich gar nicht geht. Das ist emotional glaubwürdig geschrieben, auch wenn die Wendungen vorhersehbar sind.
Der Weihnachtsrahmen als emotionaler Verstärker
Das Adventssetting ist mehr als Dekoration. Ward nutzt die Weihnachtszeit bewusst als emotionalen Taktgeber: Die Adventswochen ticken ab, die gemeinsame Zeit läuft aus, der Druck steigt. Das gibt dem Slow-Burn-Element eine natürliche Deadline, ohne dass es sich konstruiert anfühlt. Rezensentin « Betty48 » schreibt, dass Kitsch und Romantik hier eine « gelungene Mischung » ergeben, und ich sehe das ähnlich. Das Buch weiß, was es ist, und setzt das konsequent um.
Was einige Rezensionen erwähnen, trifft auch mich: Die Nebencharaktere, besonders Tris, hätten das Potential für eine eigene Geschichte. Das ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass Ward Nebenfiguren mit echtem Gewicht schreibt, nicht mit Pappaufstellerfunktion.
Matteo Callmann und die Stimme des Verlangens
Matteo Callmann ist eine Stimme, die im MM-Romance-Bereich auf Deutsch eine echte Referenzgröße ist, und das hört man. Er navigiert zwischen Jareds neugieriger Offenheit und Bensons schützender Distanz mit einem feinen Gespür für die emotionalen Nuancen der Szenen. Die intimeren Momente des Buches, und davon gibt es einige, geraten bei Callmann nie peinlich, was bei expliziterem Material keine Selbstverständlichkeit ist.
Ich war anfangs skeptisch, ob eine einzelne männliche Stimme beide Protagonisten über 8 Stunden und 41 Minuten hinweg klar auseinanderhalten kann. Das klappt besser als erwartet. Callmann findet kleine Unterschiede im Ton, im Tempo, in der Reserviertheit, die die Figuren unterscheidbar bleiben lassen, ohne dass es zu einer Parodie wird.
Für wen dieses Hörbuch passt, und für wen nicht
Wer MM-Romance kennt und schätzt, ist hier richtig. Wer eine weihnachtliche Liebesgeschichte mit queerer Perspektive sucht, die sich in einer Hörsitzung durcharbeiten lässt, ebenfalls. Das Buch hat ein befriedigendes Happy End, was für das Genre konstitutiv ist und hier nicht als Spoiler gilt.
Wer dagegen keinen Zugang zu expliziten romantischen Szenen hat oder wer romantische Vorhersehbarkeit als Schwäche begreift statt als Stilmerkmal, wird mit diesem Buch wenig anfangen. Auch für Hörerinnen und Hörer, die das MM-Genre nicht kennen, ist « Jared: Besinnliche Neugier » nicht der ideale Einstieg ins Feld, einfach weil man ohne Genreverständnis nicht die richtigen Erwartungen mitbringt.
Mit 4,6 Sternen bei 775 Bewertungen ist das Buch gut beurteilt, und das zu Recht. Es macht konsequent, was es verspricht, mit Wärme, ein bisschen Dramatik und einem Ende, das zufrieden macht.