Auf einen Blick
- Sprecher: Michael A. Grimm liest Petermarns nüchterne Fallberichte mit angemessener Sachlichkeit und vermeidet jeden reißerischen Ton, was dem Material sehr gut steht.
- Themen: Täterpsychologie, kriminalistische Spurenarbeit, das Langzeitgedächtnis von Ermittlern
- Stimmung: Ruhig und bedrückend, mit Momenten echter Faszination
- Fazit: Ein ernsthaftes True-Crime-Hörbuch für alle, die weniger Sensation wollen und mehr Substanz.
Ich war auf dem Weg zu einem langen Wochenende, zehn Stunden Fahrt vor mir, als ich « Im Angesicht des Bösen » von Axel Petermann ins Abspielgerät legte. Ein Profiler-Buch, dachte ich, das wird mich wach halten. Was mich dann tatsächlich wach hielt, war nicht die Spannung im Sinne eines Kriminalromans, sondern etwas Merkwürdigeres: die Stille zwischen den Ereignissen. Petermann ist kein Autor, der Dramatik aufbauscht. Er erklärt. Und das ist, wie ich nach fast zehn Stunden verstehe, viel wirkungsvoller.
Axel Petermann gehört zu den bekanntesten deutschen Fallanalytikern und war als Profiler beim Landeskriminalamt Bremen tätig. In diesem Hörbuch versammelt er mehrere authentische Kriminalfälle, die er selbst bearbeitet hat oder an deren Aufklärung er beteiligt war. Darunter befinden sich Fälle, die fast zwanzig Jahre ungelöst blieben, ein Serienmörder, der die symbolische Handlung eines anderen Mordes erkennt und nutzt, sowie die Geschichte eines Kindes, dessen Verschwinden erst die Aufklärung eines Mordes ermöglicht. Das sind keine erfundenen Thriller-Konstruktionen. Das ist Wirklichkeit.
Nüchternheit als literarisches Prinzip
Was Petermarns Schreiben von vielen populären True-Crime-Formaten unterscheidet, ist eine konsequente Zurückhaltung gegenüber dem Voyeuristischen. Er befriedigt keine Sensationslust. Er beschreibt nicht in lustvollen Details, wie Verbrechen begangen wurden, sondern wie sie aufgeklärt wurden. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Die Perspektive ist immer die des Ermittlers: Was wussten wir, was wussten wir nicht, was hat uns auf die richtige Spur gebracht, was hat uns in die Irre geführt?
Michael A. Grimm als Sprecher unterstützt diese Haltung vollständig. Seine Lesung ist klar und gleichmäßig, ohne emotionale Überbetonung. In einem Genre, das häufig von dramatischen Sprechern lebt, die Spannung künstlich aufbauen, ist Grimms sachlicher Ton eine Wohltat. Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob etwas mehr Färbung den Zuhörerinnen und Zuhörern helfen würde, aber ich bin insgesamt der Meinung, dass die Zurückhaltung zum Material passt. Petermann selbst kommt in Fernsehsendungen ähnlich rüber: besonnen, uneitel, präzise.
Was Rezensenten unterschiedlich bewerten
Die Leserschaft ist nicht vollständig einig. Während die Mehrheit das Buch als fesselnd und ausgesprochen lehrreich beschreibt, gibt es eine berechtigte Kritik: Petermann untersucht manche Fälle posthum via Profiling, das heißt, er war nicht aktiv in die damalige Ermittlung eingebunden, sondern hat die Fälle nachträglich analysiert. Ein Rezensent bemängelt, dass darauf nicht ausreichend hingewiesen wird und manche Leserinnen und Leser sich dadurch getäuscht fühlen könnten. Das ist ein fairer Punkt. Wer das Buch mit dem Anspruch liest, Petermarns persönliche Ermittlungsarbeit zu verfolgen, sollte wissen, dass der Umfang dieser direkten Beteiligung von Fall zu Fall variiert.
Ein anderer Kritikpunkt betrifft die Länge einzelner Falldarstellungen. Gelegentlich werden Zusammenhänge ausgebreitet, die nicht zwingend zur Aufklärung beitragen. Im Hörbuch macht sich das weniger störend bemerkbar als im Printformat, wo lange Tabellen und Bögen optisch dominieren können. Grimm liest auch diese Passagen professionell, aber der Rhythmus verlangsamt sich merklich.
True Crime ohne Schaulust
Ich empfehle « Im Angesicht des Bösen » vor allem denjenigen, die True Crime als Format mögen, aber die exploitative Seite des Genres satt haben. Petermann ist jemand, dem man das Erzählen glaubt, nicht weil er dramatisiert, sondern weil er erklärt, wie kompliziert Ermittlungen in Wirklichkeit sind. Wie viel Geduld sie brauchen. Wie viel Zufall manchmal im Spiel ist. Und wie viel Erfahrung nötig ist, um den Zufall von der echten Spur zu unterscheiden.
Für Krimiautoren, die an realistischen Verfahren interessiert sind, ist dieses Buch besonders wertvoll. Ein Rezensent, der selbst Krimis schreibt, hat es als Ratgeber bezeichnet, und das klingt nicht übertrieben. Die methodische Strenge, mit der Petermann Fälle darstellt, ist selten in populären Sachbüchern zu finden.
Wer sollte zuhören, wer besser nicht
Empfehlenswert für: True-Crime-Fans mit Interesse an echter Ermittlungsarbeit und Täterpsychologie, Krimiautoren auf der Suche nach realistischem Hintergrundwissen, Hörerinnen und Hörer, die Sachlichkeit über Dramatik stellen. Weniger geeignet für: Menschen, die starke emotionale Aufrüttelung suchen, oder solche, die mit dem Thema Gewaltverbrechen keine persönliche Distanz wahren können. Die Fälle sind real, und das spürt man.