Auf einen Blick
- Sprecher: Stefan Kaminski verleiht Atticus seinen unnachahmlichen Charme — witzig, schlagfertig und dennoch mit echtem Gewicht in den düsteren Momenten.
- Themen: Götterpolitik und Verrat, Freundschaft zwischen Mensch und Tier, Trickster-Mythologie
- Stimmung: Temporeich und humorvoll, mit unerwartet bissigen Zwischentönen
- Fazit: Wer die Serie kennt, wird auch diesen Band mit Genuss hören — aber unbedingt bei Band 1 einsteigen.
Es war ein Samstagabend Mitte Februar, und ich hatte mir vorgenommen, nur mal kurz reinzuhören. Zwei Stunden später stand mein Abendbrot kalt auf dem Tisch, weil ich Stefan Kaminskis Stimme einfach nicht stoppen wollte. So ist das mit der Chronik des Eisernen Druiden — man denkt, man kennt das Spiel inzwischen, und dann zieht Kevin Hearne einem mit einem Schmunzeln den Boden weg.
« Getrickst » ist der vierte Band der Reihe, und wer die Vorgänger gehört hat, weiß: Das ist genau die richtige Anzahl an Büchern, um vollständig in dieses Universum hineingezogen zu sein. Atticus O’Sullivan, der letzte lebende Druide, hat sich nach dem Tod von Thor in ernste Schwierigkeiten geredet — und der Ausweg, den der Trickstergott Coyote ihm anbietet, erweist sich natürlich als genauso zuverlässig wie ein nasser Schuhkarton als Brücke.
Wenn Coyote hilft, ist danach alles schlimmer
Das Herzstück dieses Bandes ist die Dynamik zwischen Atticus und Coyote. Hearne nutzt den Trickster nicht als bequemen Deus-ex-machina, sondern als Motor für eine Geschichte, die zeigt, wie Vertrauen — selbst unter Unsterblichen — eine Illusion sein kann. Atticus muss seinen eigenen Tod vortäuschen, taucht unter, und findet sich trotzdem sofort mitten in einem Blutvergießen wieder, diesmal mit blutrünstigen Gestaltwandlern in Colorado. Dass er dabei Granuaile und seinen Hund Oberon kaum zur Seite hat, macht die Sache nicht einfacher.
Oberon bleibt, wie in allen Bänden, die heimliche Seele des Ganzen. Die Telepathiegespräche zwischen dem Druiden und seinem irischen Wolfshund sind eine der originellsten Beziehungen in der modernen Fantasyliteratur, und Stefan Kaminski spielt sie mit einer Leichtigkeit, die man nicht für selbstverständlich nehmen sollte. Er wechselt zwischen Atticus’ trockenem Witz, Oberons kindlicher Begeisterung und Coyotes schlauen Unterton, ohne dass man je den Überblick verliert.
Stefan Kaminskis Kunst des Tonwechsels
Kaminski ist einer der wenigen deutschen Sprecher, denen ich ohne Zögern einen zwölfstündigen Fantasy-Monolog zutraue. Was er hier leistet, ist technisch beachtlich: Der Mann muss einen alten Druiden spielen, der gleichzeitig jung klingt, einen Hund, der Nietzsche kennenlernen möchte, und einen Trickstergott, der permanent einen Unterton von selbstgefälliger Heiterkeit mitbringt. Das gelingt ihm nahezu durchgehend. Gelegentlich, wenn die Action-Sequenzen sehr dicht werden, verliert die Charakterdifferenzierung leicht an Kontur — aber das ist Kritik auf hohem Niveau.
Ein Rezensent hier schreibt, das mittlere Drittel des Buches sei zäher als die Rahmung — und ich verstehe, was damit gemeint ist. Hearne nimmt sich Zeit für Worldbuilding-Details und Götter-Intrigen, die erst im Nachhinein ihre volle Bedeutung entfalten. Wer einmal kurz aus dem Rhythmus gerät, kann tatsächlich ins Stocken kommen. Im Hörbuch fällt das weniger ins Gewicht, weil Kaminskis Erzählfluss die Verbindung hält — aber man sollte wissen, dass der Band seinen besten Schwung in der zweiten Hälfte entfaltet.
Eine Serie, die sich ihre Komplexität verdient hat
Was Hearne von vielen seiner Genrekollegen unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der er seine Götterwelt ernst nimmt, ohne dabei den Humor zu opfern. Coyote, Morrigan, die nordischen Götter — sie alle haben in dieser Welt ihre eigenen Agenden, und Atticus ist nur ein Spieler auf einem Brett, das größer ist, als er es lange wahrhaben wollte. « Getrickst » macht diesen Aspekt besonders deutlich: Der Verrat kommt von mehreren Seiten, auch aus den eigenen Reihen, und Hearne löst das mit einer Ehrlichkeit auf, die manchmal wehtut.
Ich habe die Reihe nicht von Anfang an als Hörbuch erlebt, aber nach diesem Band bin ich überzeugt, dass Kaminski die Version ist, in der diese Geschichte am besten funktioniert. Das Druckerzeugnis mag seine Qualitäten haben — aber die Leichtigkeit, mit der Atticus seine archaischen Kenntnisse mit modernem Slang mixt, braucht eine Stimme, die beides gleichzeitig verkörpert.
Wer sollte reinhören, wer lieber nicht
Wer die ersten drei Bände gehört hat, wird diesen vierten ohne Umweg kaufen. Für Neueinsteiger: Unbedingt bei Band 1 beginnen. Die Serie ist in sich sehr gut aufgebaut, aber « Getrickst » setzt Kenntnisse der Figuren und ihrer Geschichte voraus, die man nicht nebenbei nachschlagen kann. Fantasy-Hörerinnen und -Hörer, die es lieber episch-düster mögen und Humor als Schwäche betrachten, werden sich hier schwer tun. Wer dagegen Patrick Rothfuss schätzt (wie ein Rezensent es treffend anmerkt) oder gerne mit Terry Pratchett unterwegs war, ist hier sehr gut aufgehoben.